Sind Comiczeichner Illustratoren?
Foto: Mia Takahara

 


Die Frage ist von einigem Belang für die Illustratoren Organisation, einerseits fürs Selbstverständnis, andererseits für die Mitgliederwerbung. Nun könnte man sich als Skeptiker einigermaßen rasch aus der Affäre ziehen und „Illustration“ im klassischen Wortgebrauch als erläuternde Bebilderung verstehen, was Comics ausschlösse, denn bei ihnen gibt es gar keinen Grundtext, der „erläutert“ werden müsste. Die Hybridform Comic beruht ja gerade auf dem untrennbaren Wechselspiel von Bild und Text. Hier wird nicht illustriert, sondern inszeniert – könnte man meinen. Tatsächlich aber ist die Sache nicht so einfach. „Illustration“ stammt etymologisch vom lateinischen illustrare ab: erleuchten. Der wortverwandte Begriff der „Illumination“ als Bezeichnung für die Bebilderungen mittelalterlicher Handschriften zielt auf dasselbe ab: eine Hervorhebung bestimmter Aspekte eines Textes durch Beigabe von Bildern. In konsequenter Fortführung der Lichtmetapher könnte man von seinem „Scheinen“ sprechen, in jenem vieldeutigen Gebrauch zwischen Scheinbarkeit, Erscheinung und Glanz, den schon Hegel zu einem Zentralthema seiner ästhetischen Theorie gemacht hat. Der schöne Schein in diesem aufklärerischen Sinne ist das, was Illustratoren einem Text beigeben. Und etwas anderes tun auch Comiczeichner nicht, egal, ob sie selbst als Szenaristen ihrer Geschichten auftreten oder sich die von jemand anderem schreiben lassen.
Wichtig ist die Absicht, durch das leichter zugängliche und zugleich komplexere, weil anspielungsreichere Medium des Bildes die Aussagekraft des abstrakten Wortes zu steigern. Dabei ist es irrelevant, ob man das Illustrieren als ergänzende Dienstleistung versteht oder als elementaren Bestandteil des erzählerischen Kunstwerks. Die Inszenierung, die Comiczeichner permanent vornehmen, mag größeren Einfluss auf die zugrunde liegende Erzählung haben, als das bei traditionell verstandener Illustration der Fall ist. Aber sie ist wiederum im Verhältnis zum Wort keine so autarke Leistung, wie sie etwa Karikaturisten erbringen, die im Regelfall keine Illustration zu einem konkreten Text liefern, sondern ein Phänomen bebildern, das durch welche Vermittlung auch immer in aller Munde ist. Die Konstruktion von Hierarchien der Textabhängigkeit zur Bestimmung dessen, was Illustration sein soll oder eben nicht, führt in die Irre. Wer zweifelte denn daran, dass Karikatur zum Bereich der Illustration zu zählen ist?

Der Comic hat seit seiner Etablierung vor mittlerweile 125 Jahren immer Schwierigkeiten mit der Selbstbestimmung gehabt. Ist er eher den erzählenden oder den bildenden Künsten zuzurechnen? Steht er eher aufseiten der Literatur oder der Grafik, oder ist er eine ganz eigenständige Kunst? Die Zuordnung seiner bebilderten Komponente zur Illustration als Oberbegriff hat den Vorteil, den handwerklichen Aspekt in den Mittelpunkt zu stellen – und damit dem gängigen Selbstverständnis der grafisch Comicschaffenden als Künstler zu entsprechen. Zugleich wird der Autorenbegriff längst derart weit verstanden, dass er sich juristisch vom Schreiben gelöst hat und jede Form von Urheberschaft bezeichnet. Illustratoren sind also in rechtlichem Sinne längst auch Autoren. Und das zu Recht, denn die Umsetzung eines nur verbal bestimmten Sachverhalts in Bilder ist eine eigenständige Leistung (auch wenn sie meist noch nicht angemessen entlohnt wird).

An einer entsprechenden Interessenvertretung sollte allen kommerziell zeichnenden Menschen gelegen sein. Und gerade die Comiczeichner haben ja durch die Einführung des Marketingbegriffs „Graphic Novel“ gemerkt, dass die seitdem im allgemeinen Verständnis als qualitativ höher und vor allem eigenständiger eingeschätzte Tätigkeit von Graphic Novelists nichts daran geändert hat, dass die weiterhin Comics machen. Ihre Produkte werden nur aus verkaufsstrategischen Gründen anders genannt. Das kann man wiederum auch bei all den Illustratoren so halten, die sich als Comiczeichner begreifen. Sie sollten nur berücksichtigen, dass sie im Verbund mit ihren zahlreichen Kollegen mehr Einfluss ausüben können, um das durchzusetzen, was sie alle gleichermaßen interessiert: die Verbesserung der Arbeitsbedingungen des großen Berufsstands derjenigen, die sich der Illustration widmen und damit zur Erleuchtung des Publikums beitragen. So viel Pathos darf sein. So viel Egoismus auch.

 

Andreas Platthaus ist ein deutscher Journalist, Comic-Experte und Autor. 1997 stieß er zum Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und ist dort verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben. Nicht nur seine Arbeit dort, auch seine unzähligen Besprechungen, Beiträge und Publikationen machen ihn zu einem der renommiertesten Comic-Experten im deutschen Sprachraum. 2019 wurde er zum Ehrenmitglied der IO ernannt.

(Red. SW)