Warum brauchen wir ein Berufsbild Illustrator*in?
Illustration: Matthias Bender

 

„Was willst du denn mal werden, wenn du groß bist?“ Für die meisten von uns kristallisierte sich irgendwann im Laufe des Erwachsenwerdens eine Idee heraus: Mit diesem Zeichnen und Malen muss sich doch etwas anfangen lassen? Meist lernen wir die richtige Bezeichnung des Berufes, den wir damit anstreben oder bereits ausüben, erst später kennen: Wir sind Illustratoren und Illustratorinnen.

Jeder von uns hat dabei eine Vorstellung im Kopf, was den Beruf „Illustrator*in“ ausmacht – wer allerdings nach einer konkreten und umfassenden Definition sucht, muss sich Mühe geben. Im „Berufenet“ der Bundesagentur für Arbeit ist unser Beruf überraschenderweise nicht zu finden: Unter dem Suchbegriff Illustrator*in werden dort neben dem erwartbaren Treffer „Grafik- oder Kommunikationsdesign“ Sparten wie „Comic-Zeichner/in“ und „Medizinische/r Illustrator/in“ genannt. Obwohl es an deutschen Hochschulen und Akademien inzwischen eigene Studiengänge mit der Bezeichnung „Illustration“ gibt, findet man im Internet auf verschiedenen Jobportalen nur sehr knappe oder unzureichende Beschreibungen.
Dieser Mangel verwundert, schließlich ist unser Beruf einer der ältesten der Kulturgeschichte – noch bevor der Mensch Schriftzeichen entwickelte, interpretierten einige Menschen ihre Umwelt mit bildnerischen Mitteln – die jüngst entdeckte Zeichnung eines Tieres an einer Höhlenwand in Borneo ist über 40.000 Jahre alt und damit die älteste bekannte figürliche Darstellung der Welt.

Seit dieser Zeit hält der Mensch mit zeichnerischen und malerischen Mitteln fest, was ihn bewegt. Techniken und Ausdrucksformen sind dabei so vielfältig wie die Sujets, die Inhalt der Werke sind. Auch diese Vielzahl von Ausprägungen ist typisch für den bisher leider kaum konkret beschriebenen Beruf.

Um diese Lücke zu füllen, wird die IO, als der Verband für deutschsprachige Illustratoren und Illustratorinnen, demnächst ein Berufsbild veröffentlichen, das dem Wesen, dem Wert und der Bandbreite unserer Tätigkeit gerecht wird. Die Bestimmung und Definition unserer Tätigkeit als Illustratoren*innen ist nötig, da sie Anerkennung und Sichtbarkeit schafft.

Unter dem Dach des deutschen Designtages ziehen Partnerverbände an einem Strang. Das Bewusstsein über die Eigenständigkeit und die unterschiedlichen Rahmenbedingungen unseres Berufstandes ist Voraussetzung dafür, in der gemeinsamen Arbeit individuelle Prioritäten zu setzen und diese den Partnern gegenüber zu vertreten.
Auch aus der Außenperspektive ist ein aussagekräftiges Berufsbild nötig. Es ist die Grundlage, um in Wirtschaft und Politik, von Ämtern und Institutionen als relevante Gruppe erkannt und berücksichtigt zu werden.

In der Klassifikation der Berufe der Bundesagentur für Arbeit erscheint „Illustration“ nur als unzureichend beschriebener Teilaspekt anderer Berufsgruppen. Auch wenn die Zuordnung im Einzelfall, z. B. zum Bereich „Grafik- und Kommunikationsdesign“, sinnvoll erscheint, wirkt die Kategorisierung und Unterordnung wenig systematisch und nicht transparent. Der Beruf Illustrator*in tritt so nur unvollständig oder in einigen der verschiedenen Ausprägungen in Erscheinung. Die Zersplitterung des Berufs in kleinere und sich stetig wandelnde Teilbereiche ist dabei eher nachteilig als vorteilhaft.
Praktisch wirkt sich das aus, indem Illustration z. B. im Monitoring-Bericht der Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung kaum erfasst wird und so relevante Daten gar nicht erst erhoben werden.

Die rasante Entwicklung immer neuer Sparten sowie die Zunahme hybrider Beschäftigungsverhältnisse lassen sich in Behörden und Institutionen nicht immer abbilden. Jüngst konnte die IO erfolgreich dazu beitragen, dass auch Graphic Recorder in die KSK aufgenommen werden. Die ursprünglichen Schwierigkeiten der Behörde, die sehr junge Berufsbezeichnung als eine Sparte der bildenden Kunst zu erkennen, macht deutlich, wie groß der Bedarf an einer übergreifenden Definition ist.
So individuell die Arbeitsfelder von Graphic Recordern, Storyboardern, Kinderbuch- oder Wissenschaftsillustrator*innen sein mögen – ihre Arbeit fußt auf der gleichen Basis. Die Definition dieser Grundlage und Herausstellung des inneren Wesens schafft Identifikation und ermöglicht es Kolleginnen und Kollegen, sich selbst darin zu finden und von anderen gefunden zu werden.

Es ist die natürliche Aufgabe der IO, unseren Beruf zu beschreiben, schließlich wissen wir, nachdem wir endlich groß geworden sind, am besten, was wir sein wollen und müssen, um als Illustratorin oder Illustrator arbeiten zu können.

von Jürgen Gawron, Vorstandsmitglied der IO

(Red. SW)