Interview mit Lennart Gäbel

Illustration: Lennart Gäbel

 

Die Namen von Illustrator*innen sind im Editorial-Bereich ja eher unbekannt, weil der Urheber meist höchstens recht kleingedruckt vermerkt ist. Aber ich vermute mal, dass dein Name mittlerweile auch außerhalb der Illustratorengemeinde eine gewisse Prominenz erlangt hat. Und das liegt an deinem wohl bekanntesten Motiv: Es zeigt Donald Trump, wie er der Freiheitsstatue in den Schritt greift. Wie kam es dazu?

Die Geschichte der Illustration von Trump und der Freiheitsstatue, die ich ‟They Let You Do It” genannt habe, ist schon außergewöhnlich. Ein paar Wochen vor der US-Wahl im November 2016 kam ich auf die Idee, habe eine Skizze angefertigt und sie auf Facebook gepostet. Da die Resonanz sehr positiv war, habe ich die Skizze weiter ausgearbeitet – auch wenn sie in wenigen Wochen schon wieder veraltet sein würde. Denn wie jeder andere bin auch ich davon ausgegangen, dass Hillary Clinton gewinnen wird. Ein Tag vor der Wahl rief mich ein Freund an, der meinte, er wolle die Illustration beim WDR veröffentlichen, sollte Trump gewinnen.

Am nächsten Morgen war Trump tatsächlich gewählt, das Bild bereits ein paar tausendmal geteilt und bald war klar, dass hier was Außergewöhnliches passiert. Ich habe es einfach überall gesehen. Am nächsten Tag war es in zehn verschiedenen Tageszeitungen und drei Tage darauf wurde ‟They Let You Do Itˮ zum ersten Mal auf einer Demo in New York vorm Trump Tower gesehen. Und von dort aus verbreitete sich das Motiv nochmal durchs ganze Land. Mittlerweile hat das Wilhelm-Busch-Museum die 1/100 und die Nummer 33 hängt in Gerhard Schröders Büro.


Ich hatte den Eindruck, dass man diesem Motiv ständig im Netz begegnet. Hast du von dieser großen Bekanntheit auch als Illustrator profitiert oder war es mitunter sogar lästig, mit diesem Bild in Verbindung gebracht zu werden?

Es war total interessant zu beobachten, wie dein Werk ein Eigenleben entwickelt und viral geht. Aber es war auch klar, dass ich nicht die Trump-Welle totreiten möchte, sondern mich langfristig und breit im redaktionellen Feld aufstellen will. Ich habe glaube ich fünf oder sechs Illustrationen zu Trump gemacht. Dafür, dass der Typ in den letzten vier Jahren fast täglich Stoff bietet, ist das sehr wenig.


Nachrichten aus den USA und über den amerikanischen Wahlkampf begleiten uns zurzeit ja täglich. Hast du einen persönlichen Bezug zu den Vereinigten Staaten?

Als ich 16 war, habe ich ein Jahr an der High School in der Nähe von Dallas, Texas verbracht. Dementsprechend habe ich immer noch Freunde und (Gast-)Familie in den Staaten. Viele davon übrigens Trump-Wähler. Und als ich mich für mein Illustrationsstudium zwischen Utrecht und Rotterdam entscheiden musste, habe ich mich bewusst für Rotterdam entschieden, weil die Uni eine Partner-Hochschule in New York hatte. An der School of Visual Arts (SVA) habe ich dann auch glücklicherweise ein Semester studieren dürfen.


Inwiefern hat sich das Studium in den USA und den Niederlanden unterschieden?

In Rotterdam war alles sehr viel persönlicher. Es gab einen festen Klassenverbund von etwa 15 Studenten. Man kannte sich gut und wusste, wie die anderen arbeiten. Es wurde sehr direkt und offen kritisiert, wodurch man nicht nur von den Dozenten, sondern auch von seinen Kommilitonen sehr viel lernen konnte.

In New York war alles selbstverständlich zwei, drei Nummern größer und anonymer. Der Campus war komplett über Midtown Manhattan verteilt, tausende Studenten, die häufig nur einen Kurs zusammen hatten und sich daher kaum kannten. Dafür war die Qualität der Ausbildung fantastisch.

Die Dozenten waren eine Klasse für sich. Menschen, von denen man vorher das Buch gelesen hat, unterrichten dich auf einmal. So hab ich auch Milton Glaser, Steve Brodner oder Stefan Sagmeister kennenlernen dürfen. Man muss aber auch erwähnen, dass die Studiengebühren an der SVA knapp 25.000 Euro im Semester betragen. Für Austausch-Studenten galt das glücklicherweise nicht.

Die Zeit an der SVA war auch ein Turningpoint für mich, weil ich während der aufkommenden Occupy-Bewegung in Lower Manhattan gemerkt habe, dass ich mich illustrativ politisch äußern möchte.


Deine Illustrationen haben eine sehr flächige Vektor-Anmutung. Mit welchen Programmen arbeitest du?

Wir Illustratoren machen uns immer Sorgen um unseren „Stil“. Wir machen uns ständig Gedanken darüber, WIE wir zeichnen. Was dabei oft vergessen wird, ist die Wichtigkeit der Frage, WAS wir zeichnen. Denn egal, in welchem Stil wir zeichnen – wenn die Idee erstklassig ist, wird sie da draußen einen Abnehmer finden.

Zu meiner Herangehensweise: Ich sammle Ideen mit Bleistift im Skizzenbuch und wechsle dann zu Photoshop, um die Ideenskizzen für den Kunden präsentabel aufzuarbeiten. Wenn es an die Ausarbeitung geht, benutze ich Affinity Designer. Und in letzter Zeit experimentiere ich vermehrt wieder mit Photoshop auf der finalen Affinity-Datei.


Ich kenne deine Arbeiten in erster Linie aus dem Editorial. Liegt dort dein Arbeitsschwerpunkt oder gibt es auch andere Auftragsbereiche, die aber weniger bekannt sind? Anders gefragt: Für welche Auftraggeber arbeitest du am meisten und für welche am liebsten?

Ich liebe generell den Bereich der redaktionellen Illustration mit seinen engen Deadlines und den kurzen Wegen von mir zum Art Director. Ein Job kommt meist sehr kurzfristig, ist aber auch schnell wieder vom Tisch. Ich war schon immer jemand, der gern Arbeit vor sich hergeschoben hat, daher kommt es mir sehr entgegen, wenn ich für eine Illustration nur 24 Stunden Zeit bekomme.

Ich weiß nicht, ob ich es Lieblingskunde nennen würde, aber was Besonderes ist immer ein Spiegel-Titel. Da kommt abends um 20 Uhr eine Mail, ob ich Ideen zu einem bestimmten Thema entwickeln könnte. Deadline: am nächsten Morgen um 10 Uhr. Dann wird die Nacht durchgezeichnet, damit ich zwischen zehn und 20 gute Ideen präsentieren kann. Zum Glück werden die Ideen auch vergütet, wenn es danach mal nicht weitergehen sollte.

Was so besonders am Spiegel-Titel ist: Es sind immer spannende Themen, die Deutschland in der kommenden Woche dominieren werden. Jeder, der in Deutschland in den Supermarkt geht oder an einem Bahnhof vorbeikommt, sieht diese Illustration. Noch vor wenigen Jahren im Studium habe ich Fake-Spiegel-Titel gezeichnet und vielleicht bin ich deshalb so stolz auf meine echten Spiegel-Cover.


Aktuell hat die Branche mit den Folgen der Corona-Pandemie zu kämpfen. Gerade für viele Freiberufler*innen ist die Situation nicht einfach. Wie hat sich die Krise auf deine Auftragslage ausgewirkt?

Anfangs habe ich gar keine negative Auswirkung durch Corona gespürt – ganz im Gegenteil. Ich hatte viele Aufträge, die sich direkt mit Corona auseinandersetzten. Dann wurde es auf einmal ruhiger und ein Wirtschaftsmagazin, für das ich monatlich illustriert habe, musste aus Kostengründen die Zusammenarbeit mit mir beenden. Da macht man sich schon Sorgen, ob das jetzt der Anfang vom Ende ist. Der Sommer war auch ruhiger als sonst, aber mittlerweile zieht alles gefühlt wieder etwas an.
Ich kann da nur den Tipp geben: nicht aufgeben! Man muss sich täglich sagen, dass man geilen Scheiß macht und dann freundlich, direkt und offensiv auf potenzielle Kunden zugehen. Sich nicht von Absagen runterziehen lassen. Wie heißt es so kitschig: ‟NO means next opportunity”.


Lieber Lennart, herzlichen Dank für das informative und spannende Interview.

Das Interview führte Matthias Bender.


Mehr von Lennart Gäbel gibt es hier zu sehen:
www.lennartgaebel.com
Instagram

 

(Red. SW)