10 Tipps für eine geschlechtergerechte Sprache

 

Warum sollen wir über unsere Sprache nachdenken? Warum können wir nicht einfach weiterhin Mitarbeiter sagen und Frauen mitmeinen?

Lassen Sie mich mit einer Geschichte beginnen: Vater und Sohn sind in einen Autounfall verwickelt. Der Vater stirbt vor Ort, der Sohn wird ins Krankenhaus gebracht. Der Kleine ist so schwer verletzt, dass eine Koryphäe in den OP gerufen wird. Der Arzt kommt, wird blass und sagt: „Ich kann diesen Jungen nicht operieren, das ist mein Sohn.“

Lässt Sie diese Geschichte ratlos zurück oder kennen Sie sie bereits? Im Jahr 2004 wurde sie für eine Studie verwendet. Ergebnis: Nur ein Drittel der befragten Studierenden kam auf den Gedanken, dass der herbeigerufene Arzt die Mutter des schwer verletzten Jungen sein könnte.

Warum auch, es wurde doch von „einem Arzt“ gesprochen? Sprache schafft Wirklichkeit.

Ich gebe Ihnen 10 Tipps, mit denen Sie sich geschlechtergerecht (und meist auch schöner) ausdrücken können.

1. Tipp: konkretisieren

In obiger Geschichte hätte man konkret Ärztin schreiben können. Einfach, oder? Ich bin ein Freund, von einfachen Lösungen. Halt: Ich, Andrea, bin ein Freund? … Nein! Ich bin eine Freundin von einfachen Lösungen.

2. Tipp: neutralisieren

Wenn Sie geflügelte Worte nicht verändern möchten, dann neutralisieren Sie sie. Werden Sie ein Fan von einfachen Lösungen. Verwenden Sie Publikum statt Zuschauer, Team statt Mitarbeiter, Kundschaft statt Kunde …

3. Tipp: vom Verb ableiten

Ich lebe in Hannover und freue mich, dass die Stadtverwaltung die geschlechtergerechte Sprache eingeführt hat. Ein Tipp aus der Stadtverwaltung ist, vom Verb und nicht vom Handelnden abzuleiten. Schreiben Sie Redepult und nicht Rednerpult.

4. Tipp: Handelnden ersetzen

Dieses Prinzip funktioniert auch mit anderen Wörtern. Ersetzen Sie den in der Regel männlich Handelnden. Machen Sie aus der Raucherpause eine Zigarettenpause, aus dem Expertenwissen das Fachwissen, aus der Schuldnerberatung eine Schuldenberatung.

5. Tipp: adjektivisch formulieren

Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker – bei diesem Halbsatz ploppen in meinem Kopf nur Männer auf. Dabei gehe ich persönlich eher zu Ärztinnen und kenne mehr Apothekerinnen. Mein Tipp: Formulieren Sie adjektivisch und holen Sie sich ärztlichen Rat.

6. Tipp: kreativ formulieren

Beim Apotheker ist es schwieriger, doch auch machbar: Fragen Sie in der Apotheke nach, holen Sie sich pharmazeutischen Rat … Manchmal müssen Sie um die Ecke denken, aber hey, das macht auch Spaß!

7. Tipp: Verwenden Sie den Plural

Sie merken schon, jeder kann geschlechtergerecht formulieren. Jeder? Oder jede/-r? Dazu kommen wir gleich. Benutzen Sie in solchen Fällen besser ein Pluralwort: Alle können es – wenn sie es wollen.

8. Tipp: neutrale Pronomen

Geschlechtsspezifische Pronomen wie „keiner“ und „einer“ lassen sich durch geschlechtsunspezifische Pronomen ersetzen, Beispiele:
Keiner weiß es.  Niemand weiß es.
Einer hat es gewusst.  Jemand hat es gewusst.

9. Tipp: abwechseln

Geschlechtergerecht können Sie auch die Doppelnennung benutzen, die manchmal sehr lang ist. Möglich ist hier auch die Schreibweise mit Schräg- und Bindestrich: Illustrator/-in

Nicht dudenkonform sind folgende Möglichkeiten: Illustrator*innen, IllustratorInnen, Illustrator_innen, Illustrator:innen. Aber muss man sich an Regeln halten?  Als Werbelektorin achte ich stets auf Einheitlichkeit. Und: Vielfalt kann auch Konzept sein.

10. Tipp: direkt ansprechen

Dieser Tipp macht Texte definitiv gerechter, meist auch schöner. Machen Sie beispielsweise aus einem kargen (und männlichen) „Besucher müssen sich einloggen“ ein freundliches „Loggen Sie sich ein“.

Ich gebe zu, es ist nicht immer einfach, geschlechtergerecht zu schreiben – aber oft. Probieren Sie es aus!

Nützliche Links:
Geschickt gendern
Leitfaden der Universität Potsdam
Gendern in wissenschaftlichen Arbeiten
Gedanken zum Genderstern

 

Die Autorin Andrea Görsch arbeitet im Wortladen als freiberufliche Texterin und Werbelektorin und ist eine große Freundin des Gendersterns. Sie vernetzt sich gern mit Kolleg*innen und ist unter anderem Mitglied im Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL). Dort ist sie Sprecherin der Regionalgruppe Niedersachsen.

 

Quellenangabe zur Studie: Stoeger, H., Ziegler, A. & David, H. (2004). What is a specialist? Effects of the male concept of a successful academic person on the performance in a thinking task. Psychology Science, 46, 514–530.

(Red. SW)