Interview mit Boris Kochan zu Bauhaus 4.0
Foto: Dominik Parzinger

 

FW: Lieber Boris Kochan, die Veranstaltungsreihe Bauhaus 4.0 erkundet in zehn Podiumsdiskussionen mit jeweils drei bis vier kreativen Persönlichkeiten innovative Ansätze für eine lebenswerte Zukunft und besucht dabei zehn Orte in Deutschland. Was ist das Ziel der Veranstaltungsreihe?

BK: Der Deutsche Designtag versteht sich als zentrale Schnittstelle zwischen Design, Politik und Wirtschaft auf Bundesebene und steht dabei für den Wert, den Design für den Fortschritt von Gesellschaft und Kultur, für Unternehmen, Organisationen und Institutionen leistet. Ein solches Selbstverständnis wäre ohne das Bauhaus in Deutschland undenkbar. Insofern ist es mehr als naheliegend, im Jubiläumsjahr 2019 das utopische Potenzial des Bauhauses zu nutzen, um erstmals als gemeinschaftliche Aktivität der Mitgliedsorganisation des Designtags öffentlich mit Top-Kreativen an einer lebenswerten Zukunft zu arbeiten.

FW: Mit seinem interdisziplinären Ansatz und der Zusammenführung der bildenden, der angewandten und der darstellenden Kunst mit dem Handwerk revolutionierte das Staatliche Bauhaus zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Verständnis von Design. Was meinst du, was können wir als kreativ tätige Menschen heute vom Bauhaus lernen?

BK: Der Kraft einer Idee zu vertrauen! Nachdem das Bauhaus nun wahrhaftig nicht nur einen Stil oder eine durchgehende Auffassung von Design verfolgt hat, sondern mit seinem interdisziplinären und ganzheitlichen Ansatz konsequent an einem neuen Deutschland arbeiten wollte, sollten wir als Designerinnen und Designer uns der immer auch politischen Dimension unserer Arbeit bewusst sein!

FW: Die IO hostet im Juni den siebten Bauhaus-4.0-Abend zum Thema »Design und Politik in Zeiten von Fake News«. Welche Rolle nimmt für dich die Illustration im öffentlichen Meinungsbildungsprozess ein und welche Aufgaben bzw. Herausforderungen siehst du bei den Zeichnerinnen und Zeichnern?

BK: Ich liebe die wunderbar freie Form der Zuspitzung genauso wie das Potenzial zum Ausgleich – gute Illustratorinnen und Illustratoren schaffen dies scheinbar leichtfüßig und tiefenwirksam. Ich bin davon überzeugt, dass Zeichnerinnen und Zeichner in einer Zeit von Alexa und Co. – und damit einer schleichenden Ablösung des geschriebenen durch das gesprochene Wort – entscheidenen Anteil daran haben werden, komplexe Vorgänge spielerisch und doch hyperpräzise zu konkretisieren, wirtschaftlich nutzbar zu machen oder auch in die gesellschaftliche Debatte einzubringen.

FW: Das Bauhaus galt als die Heimstätte der Avantgarde der Moderne. Wo spielt sich deiner Meinung nach heute die Avantgarde ab und was ist für dich innovative Illustration?

BK: Hinsichtlich einer Definition von innovativer Illustration bin ich als Nicht-Illustrator ein bisschen vorsichtig. Mich beeindruckt jedoch das Potenzial von Graphic Recordern – wobei es eine wirkliche Herausforderung für die Kolleginnen und Kollegen darstellt, herausragende grafische Übersetzungen zu finden und bei der Umsetzung nicht nur an der Oberfläche zu kratzen. Eine tiefe inhaltliche Auseinandersetzung mit der Fragestellung oder dem jeweils zu dokumentierenden Thema ist meiner Erfahrung nach unerlässlich.
Hinsichtlich der Frage nach einer Avantgarde des Designs von heute müssen wir leider wohl ehrlich sein: International findet sich unglaublich viel Spannendes in Asien, Afrika und Südamerika, da sollten wir nicht nur mit der deutschen Brille gucken. Umso mehr würde ich gerne unsere nun seit drei Jahren gefundene neue Vernetzung durch den Deutschen Designtag nutzen, um die natürlich auch in Deutschland schlummernden fortschrittlichen innovativen oder gar avantgardistischen Ansätze sichtbar zu machen und den Gedanken des Bauhauses aufnehmen: Die Zukunft beginnt in den Schulen und Universitäten!

FW: Zu guter Letzt noch eine persönliche Frage: Welchen Bauhäusler schätzt du am meisten und warum?

BK: Darauf möchte ich gerne augenzwinkernd antworten: Den Maler und Typografen Willi Baumeister. Der brillante Vordenker hat nur in engem Kontakt mit einigen Bauhäuslern gestanden, hat zum Beispiel gemeinsam mit Oskar Schlemmer Ausstellungen realisiert. Baumeister hat auf hinreißende Art Zukunftsgestaltung beschrieben – sein »schöpferischer Winkel« macht den für Designer typischen Prozess der Annäherung an ein noch nicht näher bekanntes Ziel anschaulich. Und die im kreativen Prozess sich unablässig fortentwickelnde und verändernde Konkretisierung des obskuren Objekts der Begierde. Nachlesen lohnt!

FW: Lieber Boris, ich danke dir für das Gespräch.

 

Boris Kochan ist Gründungspräsident des Dachverbands deutscher Designorganisationen, Deutscher Designtag, Vize-Präsident des Deutschen Kulturrats, Präsident der GRANSHAN Foundation, Vorsitzender des Beirats und Ehrenmitglied der Typographischen Gesellschaft München (tgm) und geschäftsführender Gesellschafter der Branding- und Designagentur KOCHAN & PARTNER in München und Berlin.

Das Interview führte Franziska Walther.

(Red. SW)