Der Kinder Kalender 2020 - Rezension

52 Gedichte und Bilder aus aller Welt

Unser erster Kinder Kalender kam vor einigen Jahren zu uns, in Form eines Geschenks für unseren damals vier- oder fünfjährigen Sohn und die ganze Familie. Damit wir gemeinsam lesen, Gedichte kennenlernen und Bilder anschauen konnten. Das haben wir gemacht.
​Seitdem hängt jedes Jahr ein Kinder Kalender an der Küchenwand, manchmal geschenkt, manchmal selbst erworben – und im nächsten Jahr das Rezensionsexemplar, das wir, der Sohn und ich, gerade gemeinsam ausführlich begutachtet haben. Kein anderer Kalender hat es ein zweites Mal in die Küche geschafft. Kein anderer Kalender wird mit der gleichen Ausdauer von allen Familienmitgliedern durchgeblättert, angesehen, vorgelesen, .

Tatsächlich freuen wir uns jeden Sonntag darauf, dass die neue Woche anfängt und wir Montagfrüh eine Seite des Kalenders umblättern können. Dort wartet ein neues Gedicht, eine noch nicht gesehene Illustration, nie wird es langweilig.

Die Gedichte werden laut verlesen, im Zweifelsfall von jedem von uns ein- oder mehrmals. Gern auch in der Originalsprache, und das mit besonderem Vergnügen, wenn wir dieser nicht mächtig sind. Ungarisch? Ein Kicheranfall nach der zweiten Zeile ist garantiert. Die Freude an den Lauten und unserer Unfähigkeit, sie korrekt zu bilden, hellt unseren Montagmorgen auf. Und wir lernen Sprachen kennen, die wir noch nie gehört haben und stellen fest, dass wir einige vom Blatt ablesen können – Lingala geht, estnisch nicht.

Wir genießen die Gedichte, die oft lustig sind, manchmal nachdenklich, häufig eine Stimmung vermitteln, die wir mit dem jeweiligen Land assoziieren können. Kaum je versuchen sie, zu belehren. Genauso die Bilder – sie sind bunt, laut, leise, witzig und grüblerisch, ebenso wie ihre sprachlichen Pendants. Noch deutlicher als die Gedichte zeigen sie, dass unsere Leben mittlerweile global gedacht werden können. In der Regel können wir nicht erraten, aus welchem Land die Illustration kommt, erst der Text gibt den Hinweis. Manchmallässt sich erahnen, aus welcher Region die Bildautorin, der Bildautor stammt. Andere Male finden sich Hinweise im Bild: dort ein Baseballschläger, hier ein Rugbyball – dann deutet die dunkle Haut der Protagonisten wohl doch eher auf die USA hin als auf den indischen Subkontinent.

Die Ursprungssprachen der Gedichte sind zwar unterschiedlich, Bildsprache aber scheint universell: Wir erinnern uns beim Betrachten der Bilder an Dinge aus unserem Alltag, egal, aus welchem Land die Illustrationen stammen. Und wir freuen uns, wenn wir etwas sehen und lesen können, das ganz woanders herkommt, aus Ländern, mit denen wir keine Berührungspunkte haben, wie beispielsweise Senegal.
Auf diese Weise hält die Welt Einzug in unsere Küche. Wir erfahren, wie der Sohn sagt, ein »Gefühl für Internationalität«. In jedem Land gibt es Gedichte und Bilder, im Fall des Kinder Kalenders sorgfältig ausgewählt und mit Liebe zum Detail aufbereitet. Mal sprechen sie uns mehr an, mal weniger. Aber eigentlich alle bereiten sie Vergnügen, eine Wendung im Text, ein Tier im Bild, das Zusammenpiel von Sprache und Visuellem. Ab und an gibt es Such- oder Wimmelbilder, in denen sich unsere Blicke und Gedanken verfangen.

Es ist wohltuend, die Herkunft von Sprache und Bild als Spiel betrachten zu können, das einen Mehrwert bietet, aber keinen Einfluss auf die Wahrnehmung von beiden und auf ihr Miteinander hat. Indirekt lernen wir wohl etwas, über andere Länder, andere Sitten, darüber, wie andere Menschen denken und fühlen, zeichnen und malen. Aber das passiert ganz nebenbei, beim Gucken und Vorlesen mit vollem Mund am Frühstückstisch.

Der Kalender wird herausgegeben von der Internationalen Jugendbibliothek München
und erscheint in der edition momente.
Der Kinder Kalender 2020
60 Blätterr mit 52 vierfarbigen Illustrationen
Format 33 × 30,5 cm
für 20,– Euro
ISBN 978-3-0360-5020-1
Weiter Infos unter https://www.edition-momente.com/kalender/der-kinder-kalender-2020.html

(Red. JW)