Buchrezension

Frank Plein
Der Eigene Strich. Stilbildung und Zeichentechnik für Comic und Illustration

Rezension von Juliane Wenzl

Frank Plein, einigen vielleicht besser als »Spong« bekannt, hat ein Buch über seinen Weg zum Comiczeichner geschrieben, oder besser: Er hat aus seinem Weg zum Comiczeichner gelernt und ein Buch darüber geschrieben. Plein, Jahrgang 1968, ist als Autor und Übersetzer tätig, zeichnet Comics und gibt Workshops, u.a. für ICOM und Comicademy. 2012 erschien sein Buch »Der Comic im Kopf« im Interessenverband Comic e. V. (ICOM).

»Der eigene Strich« ist im August diesen Jahres beim Stiebner Verlag erschienen – einem Verlag, der für mich mit Alan Male´s »Illustration. Theorie und Zusammenhänge« eine der wenigen ernstzunehmenden Überblicksdarstellungen zur Illustration in deutscher Sprache herausgegeben hat. Pleins Buch verspricht im Titel Informationen zur ›Stilbildung‹ und proklamiert, sich nicht nur mit Comics auseinandersetzen zu wollen – wie aufgrund seines Covers zu vermuten wäre – sondern auch den Bereich der Illustration im Allgemeinen abzudecken. Damit war meine Neugier geweckt.

Die Frage danach, welchen ›Stil‹ ein Zeichner sich aneignen solle, welcher gerade aktuell sei und sich demnach gut verkaufe, begegnet mir als Lehrenden immer wieder. Um es rundheraus zu sagen: Die Verwendung des Begriffs ›Stil‹ in diesem Kontext bereitet mir Unbehagen, denn er wird er fast immer missverstanden verwendet. Es kann nicht darum gehen, sich eine fremde Haut überzustreifen, wie die Fragen und Anmerkungen von unerfahrenen Zeichnern vermuten lassen. Im »Stil von soundso« zu zeichnen ist in bestimmten Bereichen der Lohnzeichnerei erstrebenswert, aber es sollte Zeichnern daneben um eine stetige Entwicklung der eigenen Handschrift und der eigenen Persönlichkeit gehen, die sich auch in der Zeichnung niederschlägt.

 

Worum also geht es Frank Plein? Kann sein Buch halten, was Untertitel und Klappentext versprechen?

Die Publikation kommt sympathisch daher, mit großen kontrastreichen Abbildungen auf dem Cover, und gibt mit den Figurenillustrationen auf dem Titel einen deutlichen Hinweis auf Inhalt und Ausgestaltung.
Nachdem ich mich an die Typografie gewöhnt hatte – große, ›lustbetonte‹ Buchstaben mit [zu] wenig Zeilendurchschuss – zeigte ein erstes Durchblättern, dass das Buch stringent aufgebaut ist, ohne den didaktischen Zeigefinger zu schwingen. Große Weißräume lassen die Abbildungen und die erläuternden kurzen Texte wirken. Ein Alter Ego des Autors führt in Form einer stilisierten Figur durch das Buch. Neben diesen Zeichnungen, denen viel Raum gelassen wird, finden sich etliche Bildbeispiele unterschiedlicher Kolleginnen und Kollegen. Diese sind im Regelfall auf Ausschnitte in einer Größe von etwa 4x4 cm beschränkt, was die Schaulust in Grenzen hält. Die Abbildungsangaben allerdings sind vorbildlich und vollständig, so dass sich die vollständigen Bilder in den entsprechenden Originalpublikationen gut finden lassen.

Das Inhaltsverzeichnis ist klar strukturiert, der Weg zum ›Stil‹ wird als Reise gezeichnet, in deren Verlauf die wichtigsten Stationen abgefahren werden; Fragen des Selbst, der Techniken und Methoden finden Erwähnung.
Plein benennt das Wissen darum, wie ein Zeichner zu seinem eigenen Stil finden könne, als offensichtliche Lücke in der Vielzahl an Publikationen, die es zur Zeichnung gibt. Diese Lücke zu schließen ist er angetreten. Bereits im zweiten Absatz findet sich dann auch die Kernaussage, die sich durch das gesamte Werk ziehen wird: Es ist in fast allen Fällen für Zeichner essentiell, Mentoren und Vorbilder zu haben, an denen sie sich abarbeiten können. Ein Weg aus drei Schritten in Anlehnung an die Lehre des Shuhari (Lernen durch Tun und Nachahmung – Loslösung – der eigene Weg) wird dabei als optimale Methode des Lernens vorgestellt.

Was fehlt, ist eine einführende Definition des Begriffs ›Stil‹. Wenn der Autor darauf zurückkommt, begreift er Stil als »Interpretation von Welt«. Dabei bleibt er jedoch in seinen Ausführungen aufs Formale reduziert. Das wird in meinen Augen dem Begriff nicht gerecht, bedeutet eine Interpretation doch immer auch, einen persönlichen Standpunkt einzunehmen und aufzuzeigen. Die von Plein gefragten Kollegen antworten da differenzierter. Ebenso, wenn es um die Frage geht, ob man »realistisch zeichnen können müsse« um Comics machen zu können. Pleins Meinung ist hier kurz und mutwillig (»Nein.«) und kann sich mit den Argumenten seiner Interviewpartner nicht messen, die begründen, warum Zeichnenkönnen eine Voraussetzung auch fürs Comicmachen ist – und welche Aspekte daran im Gegenzug hinderlich sein können.
Überhaupt ist es erfrischend und hilfreich, dass an mehreren Stellen Kolleginnen und Kollegen zu Wort kommen, mit kurzen Aussagen, Interviews und erläuternden Bildbeispielen. Davon hätte ich gern mehr und ausführlicher gelesen, denn die recht kurz gehaltenen Aussagen lassen oft größere Zusammenhänge ahnen, ohne dass diese ausgeführt werden könnten.

Die grundsätzlichen Ideen, die der Autor durch das Buch hinweg verfolgt, sind meines Erachtens gut und wichtig: das eigene Lernen verstehen und strukturieren, über die Analyse von Material Erkenntnisse erlangen, über den Austausch untereinander die eigene Arbeit analytisch betrachten lernen, seinen eigenen Weg finden, der Blick über den Tellerrand …
Immer wieder aber rutscht er in Stereotypen und verkürzte Darstellungen ab (z. B. in Hinblick auf Männer- und Frauenbilder, die an einigen Stellen aufscheinen). Bei der Vorstellung von Materialien und Techniken schiebt sich die Frage nach Effizienz in den Vordergrund, wo eine Aufforderung zum Experiment genauso zielführend sein könnte. Die Techniken, die Plein hervorhebt, sind stark von Comic (und dem Trickfilm) beeinflusst: Mit Vorzeichnung, Blaupause und ›Inken‹ zu arbeiten, ist sicher eine Möglichkeit zu einer Illustration zu kommen – aber mit Sicherheit nicht die einzige.

Beim gründlichen Lesen finden sich leider einige Redundanzen, Begrifflichkeiten werden nicht sauber durchdacht, Arbeitsmittel erwähnt, aber ihre Einsatzmöglichkeit und die Resultate ihrer Verwendung vorenthalten.

Überlegungen und Hinweise verbleiben oft im Allgemeinen oder beschränken sich auf den persönlichen Fokus des Autors. Das ist für eine Publikation mit derart offensichtlich autobiografischem Hintergrund legitim, schmälert aber letztendlich ihre Verwendungsmöglichkeiten. Die Bildbeispiele kommen, bis auf wenige Ausnahmen, aus dem Bereich, den ich dem Comic und Cartoon zuschlagen würde – die Bandbreite, auf die der Begriff »Illustration« im Titel hoffen ließ, bleibt aus. Die auf dem Klappentext versprochenen »Workshops« finden sich gar nicht.
 

Mein Fazit: Ein Buch, das sich für den Einstieg eignet und die Überlegungen in die richtigen Richtungen lenkt. Jedem, der tiefer in die Materie einsteigen will, seien die (teilweise bei Plein erwähnten), weiterführenden und detaillierter argumentierenden, meist englischsprachigen Werke empfohlen, die es auf dem Markt gibt.

Erschienen im August 2015 beim Stiebner Verlag, 128 S., viele farbige Abbildungen, Format: 27,0 x 23,0 cm, 19,90 Euro, Broschur ISBN 978-3-8307-1696-9

(Red. JW)