Graphic Novel oder doch Comic?
Illustration Tim Dinter

Tim Dinter ist Illustrator und hat 2018 gemeinsam mit dem Autor Thomas Pletzinger den Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung erhalten. Wir haben mit ihm gesprochen.


Nochmals ganz herzlichen Glückwunsch zum Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung für „Blåvand“ - ein großartiger Erfolg! Vielleicht kannst du uns kurz beschreiben worum es bei dieser Graphic Novel geht?

Es geht um einen enthusiastischen Idealisten, der in der Mitte seines Lebens feststellt, dass er seine Ideale verloren hat. Max Feldscher heißt er. Irgendwann verlässt er desillusioniert und von sich selbst angeekelt sein Büro. Er wirft alles hin. Er verlässt sein bisheriges Leben und begibt sich mit einer Tramperin auf eine Winterreise an den dänischen Badeort Blåvand. Unser Buch erzählt von dieser Reise und der Lebensgeschichte dieses Mannes - woher er kommt, wie es zum Verlust seiner Ideale kam und wie er aus dieser Situation wieder herausfinden könnte.


Der Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung ist mit 15.000 € dotiert. Was außer der Höhe des Preisgeldes macht diesen Preis so attraktiv?

Die Berthold Leibinger Stiftung hat vor ein paar Wochen erst die zukünftige Dotierung des Preises auf 20.000 € erhöht. Wir waren also zu früh dran. Aber Spaß beiseite: Einerseits ist die Wertschätzung, die mit der Preisverleihung einhergeht, natürlich eine sehr schöne Sache. Zum zweiten hilft das Preisgeld enorm bei der Fertigstellung des Buches. Drittens bieten die Ausstellung im Literaturhaus Stuttgart und später im Literarischen Colloquium Berlin sowie die Berichterstattung in den Medien natürlich eine schöne Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit. Nicht nur für „Blåvand“. Das Ganze ist eine sehr gute Sache für alle Comic-Zeichner. Auch der Ansatz, dass ausschließlich noch nicht verlegte Projekte eingereicht werden können, ist großartig und ermöglicht die Entstehung eines so langwierigen Projekts wie einer Graphic Novel.


Wie umfangreich war die Aufbereitung der Bewerbungsunterlagen?

Grundsätzlich war es für uns kein großer Aufwand, da wir schon eine ganze Weile an dem Buch gearbeitet hatten. Ich habe 20 fertig illustrierte Seiten plus Scribbles plus ein ausführliches Skript bzw. Szenario eingereicht. Im Vorjahr waren wir noch nicht weit genug, weshalb wir uns erst mit wirklich vorzeigbaren Ergebnissen beworben haben. Wir haben auch noch Entwürfe für eine Cover-Illustration, Figurenstudien und ein ausgedrucktes Booklet mitgeschickt. Als wir die Bewerbung zusammenstellten, ist mir tatsächlich erst bewusst geworden, wie weit wir tatsächlich sind. Das fühlte sich gut an.


Habt ihr mittlerweile einen Verlag für „Blåvand“ gefunden?

Wir haben lange überlegt und Grundsatzdiskussionen geführt – gehen wir zu einem klassischen Literaturverlag oder zu einem Comicverlag? Es ist ja mittlerweile so, dass die Graphic Novel kein Nischendasein mehr führt. Wir haben uns für Kiepenheuer & Witsch entschieden, die sehr enthusiastisch sind und auch schon einige Erfahrung mit dem Genre haben.


Ist es bei Graphic Novels üblich, ein Projekt zu starten und es anschließend einem Verlag anzubieten oder kommen die Verlage auf die Illustratorinnen und Illustratoren zu?

Beides ist möglich. Viele Comic-Zeichner nehmen eigene Projekte in Angriff und suchen dann einen passenden Verlag, aber manchmal kommen die Verlage auch direkt auf die Zeichner zu. Bei meiner Bearbeitung von Sven Regeners „Herr Lehmann“ war das so. Bei solchen Projekten muss man sich zwar meist eng an die Buchvorlage halten, dafür sind sie in der Regel aber auch besser bezahlt. Bei „Blåvand“ haben wir ohne Auftrag begonnen, aber es gab dann recht schnell Interesse von Verlagsseite. Der Comicbuchpreis hat da sicher auch geholfen.


Nun zu deiner Person. Seit wann arbeitest du professionell als Comiczeichner?

Professionell im Sinne von „hauptberuflich“ – also, um vom Zeichnen zu leben, vielleicht ab 2002. Begonnen hat das Professionelle mit täglichen Comicstrips für die FAZ. Meine Diplomarbeit habe ich schon im Jahr 2000 gezeichnet. Aber mit ernsthaft professionellem Interesse und voller Konzentration zeichne ich eigentlich schon seit ich 14 Jahre alt – also lange vorher. Zwischenzeitlich habe ich immer wieder auch als Illustrator gearbeitet und freie Arbeiten gemacht. Mit lukrativeren Illustrationsjobs kann ich außerdem die Monate finanzieren, in denen ich Comics zeichne.


Du sprichst meist von Comics. Wie verhält es sich eigentlich mit den Begriffen Comic und Graphic Novel?

Comic verwende ich als Oberbegriff, die Graphic Novel ist ein Subgenre davon. Die Bezeichnungen werden in der Szene natürlich kontrovers diskutiert. Manche Kollegen halten die Bezeichnung Graphic Novel für etwas abgehoben. Ich habe mit beiden Bezeichungen kein Problem – der Begriff Graphic Novel spezialisiert den Oberbegriff Comic ein wenig. Vermutlich wird dadurch ein erwachseneres und anders sozialisiertes Publikum angesprochen, das sich ansonsten wahrscheinlich keine Comics kaufen würde. Man kann mich sehr gerne Comiczeichner nennen.


Du hast außer in Berlin noch in Brüssel und London studiert. Wo lagen die Unterschiede zu einem Studium an einer deutschen Hochschule?

An der Kunsthochschule Weißensee gab es zwar einen Schwerpunkt Illustration - aber keinen Schwerpunkt Comic. Die Haltung zu Kunst und Kultur war damals eher konservativ, das Verhältnis zum Comic etwas vorurteilsbelastet. Außerdem herrschte oft die Vorstellung, dass Kunst nichts mit Geld zu tun haben darf. „Über Geld spricht man nicht“ ist eben eine typisch deutsche Haltung, auch wenn es nur um sehr wenig Geld geht.

Im Ausland fand ich das Studium freier, man war begeisterungsfähiger und aufgeschlossener gegenüber Neuem. Dafür gab es aber leider einen Mangel an kritischer Auseinandersetzung mit der Kunst. Sehr positiv habe ich gefunden, dass man während des Studiums schon das Rüstzeug für Wirtschaftlichkeit mit auf den Weg bekam. Und davon, dass Comics in Belgien und Frankreich auch bei einem erwachsenen Publikum total akzeptiert sind, muss ich erst gar nicht reden.


Lieber Tim, herzlichen Dank für das informative und interessante Gespräch.

Das Interview führte Matthias Bender.

(Red. SW)