Versucht Amazon, die Verlage klein zu machen, um im nächsten Schritt die Urheber auszubooten?

Auseinandersetzungen zwischen Amazon und den Buchverlagen sind kein neues Thema, doch der Umgangston in den Verhandlungen zwischen dem Versandhändler und großen Verlagshäusern in den USA, Großbritannien und Deutschland verschärft sich zunehmend. Und obwohl viel darüber zu lesen ist, bleiben Details der Forderungen und Verhandlungen sowie mögliche Konsequenzen spekulativ. Dabei scheint Amazon derzeit vor allem Grenzen auszutesten. Vordergründig hat der Onlinehändler es auf höhere Profite abgesehen; je nachdem, wie die Versuche ausfallen, seine Position als Marktführer auszubauen, werden sich jedoch die Bedingungen des Buchhandels mittel- bis längerfristig verschieben - und davon werden auch Bildurheber betroffen sein.

 

Amazon hält etwa ein Drittel des weltweiten Buchhandels, bei eBooks sind es sogar 50 bis 60 Prozent. Hohe Umsätze im Printbereich, die sich über den Vertrieb durch Amazon generieren, führen zu guten Rabattkonditionen von 50% für den Händler. Nun soll der Handel mit digitalen Büchern nachziehen: Der amerikanische Versandgroßhändler verlangt 50% statt wie bisher 30% der Einnahmen aus eBook-Verkäufen.

 

In Ländern ohne Buchpreisbindung ermöglicht diese Steigerung der Beteiligung eine preiswertere Weitergabe der Bücher und verschafft Amazon so einen weiteren Vorsprung vor örtlichen Händlern. In Deutschland fallen eBooks ebenso wie gedruckte Bücher unter die Buchpreisbindung. Dadurch bleibt der Preis für die Käufer der eBooks gleich, Amazon kann die Bücher nicht günstiger weitergeben, profitiert aber natürlich von den höheren Einnahmen.

Amazon fordert zudem günstigere Preise bei eBooks. Seine Rechnung sieht vor, dass bei geringeren Preisen größere Mengen eine Produkts verkauft werden. Aber kann das ein realistisches Szenario sein, wenn alle Produkte preisreduziert sind? Und wo soll die größere Menge an potentiellen Käufern herkommen? Eine Abnahmegarantie gibt Amazon nicht - und damit verbleibt das Risiko voll und ganz bei den Produzenten, in diesem Fall Verlagen und Urhebern.

Derzeit scheint Amazon selektiv zu verfahren und zu testen, wie weit er gehen kann. Seit einiger Zeit spüren vor allem Hachette und die Bonniergruppe, dass es ihm ernst ist mit seinen Forderungen. Weitere Verlage sind ebenfalls mit höheren Rabattforderungen konfrontiert.
Weigern sich die Verlage, auf diese Forderungen einzugehen, nutzt Amazon seine Stellung als marktführender Online-Händler: Titel von Backlists werden nur mit größeren Verzögerung geliefert, neue Titel können nicht mehr, wie sonst üblich, vorbestellt werden. In den Ländern ohne Buchpreisbindung sind Amazon-Titel, die sonst günstiger als im Buchhandel abgegeben werden, nur noch für den Listenpreis erhältlich ...
Bleiben die Verlage unbeugsam, müssen sie also mit Verlusten rechnen. Und diese treffen nicht nur sie, sondern auch die Autoren. Auch die Leser haben Unannehmlichkeiten, sie müssen ihre Bücher auf anderem Weg beziehen. All dies kann dazu führen, dass Urheber, die nicht auf den Versandgroßhändler verzichten wollen, sich von ihren Verlagen trennen. Sollten sie dann direkt bei Amazon publizieren, führt das zu einer Stärkung des Selfpublishing-Bereichs des Händlers.

Geben die betroffenen Verlage nach, ist es nur eine Frage der Zeit, wann die nächsten Verlage ins Visier geraten oder die nächsten Konditionen zugunsten von Amazon geändert werden sollen. Je mehr Rabatt Amazon fordert, desto weniger verdienen der Verlag und auch der durch ihn vertretene Urheber. Amazon hingegen beteiligt zur Zeit diejenigen Urheber, die direkt bei Amazon publizieren, mit bis zu 70%. Auch hier ist bei einer Verschlechterung der Konditionen für über klassische Verlage veröffentlichte eBooks eine Abwanderung der Verlagsautoren in den Selfpublishing-Bereich von Amazon wahrscheinlich.

 

Tatsächlich scheinen die Bestrebungen von Amazon darauf abzuzielen, Mittelsmänner und Zwischenpositionen loszuwerden, so dass am Ende die Verwertungskette Urheber - Amazon - Käufer übrig bleibt. Damit würde nicht zur eine Position des zu verteilenden Gewinns wegfallen, es würden auch noch mehr Daten über Kundenwünsche und -verhalten bei Amazon erhoben werden können und es so ermöglichen, nicht nur gezielt zu werben, sondern schon gezielt zu produzieren.

 

Bücher britischer Verlage, die nicht sofort lieferbar sind, möchte Amazon daher auch selbst nachdrucken dürfen. Wie dabei mit den Vergütungen verfahren werden soll, wurde nicht bekannt, aber es ist anzunehmen, dass sich auch hier der Profit für Amazon vergrößern soll. Noch ist unklar, wie eine derartige Forderung im Zusammenspiel mit dem deutschen Urheberrechtsgesetz aussehen könnte, da eine Nutzungsrechteeinräumung unumgänglich wäre.
Mit der Nachdruckerlaubnis würden verlegerische Entscheidungen in die Hände von Amazon gelegt; ebenso wie durch die Forderung, dass ein von Amazon festgesetzter Buchpreis nicht unterschritten werden darf - eine weitere Möglichkeit, mehr Einfluss auf den Buchmarkt ausüben zu können. Dazu passt das Gerücht, Amazon wolle den Verlag Simon & Schuster übernehmen, der zu den »Big Five« der amerikanischen Verlage zählt, um den Weg vom Versandhandel zum Verlag zu beschreiten und seine Position auf dem Buchmarkt auszubauen.


Durch die digitalen Publikationsmöglichkeiten scheinen Verlage immer unwichtiger zu werden, Selbstpublikationsmöglichkeiten und Plattformen, auf denen die an Publikationen Beteiligten - auch Illustratoren - ihre Leistungen anbieten, rücken die Urheber ins Zentrum. Verlagsunabhängig Bücher herzustellen und zu vertreiben wird immer attraktiver, verspricht es doch Unabhängigkeit und oft hohe Beteiligungen, bis zu 70% des Nettoverkaufspreises.
Doch hier scheiden sich die Geister: Während ein Teil der Urheber die neuen Möglichkeiten als Spielfeld und Weg zur Selbstermächtigung begreift, stehen die anderen zu ihren Verlagen und dem herkömmlichen System. Die fehlende Betreuung von Urhebern und dass Amazon keine Printprodukte herstellt, macht einen Wechsel für diese Autoren unattraktiv - derzeit noch. Das könnte sich ändern, wenn die Übernahme von Simon & Schuster gelingt.

Zur Zeit lässt sich kaum voraussagen, ob die zunehmenden Möglichkeiten, selbst zu publizieren, als Chance oder Fluch für Autoren und Bildproduzenten zu begreifen sind. Wahrscheinlich ist allerdings, dass bei allen Chancen, die Selfpublishing für Urheber bieten kann, die Monopolstellung eines Versandhändlers langfristig zu weiteren Einschränkungen führen wird.

Nach dem Prinzip »Teile und herrsche« scheinen Verlage und Urheber sowie Urheber gegeneinander ausgespielt zu werden. Es ist zu vermuten, dass Amazon, wenn erst die Verlage aus dem Rennen sind, vor dem einzelnen Urheber nicht Halt machen wird. Es würde nicht wundern, wenn innerhalb der nächsten Jahre die derzeit hohen Beteiligungen für Selbstverleger drastisch verringert würden, wie es beim Amazon-Hörbuchverlag audible bereits geschehen ist. Einmal mehr bliebe so für Autor*innen (und entsprechend für Illustrator*innen) weniger Vergütung für ihre Arbeit.
Es steht zu befürchten, dass sich verschlechternde Bedingungen für Kreative mit der Zeit zu einem reduzierten Angebot führen. Ein Versandgroßhändler wie Amazon könnte dann maßgeblich beeinflussen, was überhaupt auf dem Markt zu finden ist - dem Ruf nach kultureller Vielfalt dürfte das kaum gerecht werden.

 

Weitere Informationen im Internet, z.B. (für Inhalt und Verfügbarkeit der Links sind die jeweiligen Betreiber verantwortlich):
http://netzwertig.com/2014/07/22/amazons-e-book-umsaetze-selfpublishing-fordert-fuehrende-buchverlage-heraus-und-das-ist-gut
http://www.nzz.ch/meinung/debatte/verlage-in-der-zwickmuehle-1.18334019

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/amazons-buecherkrieg-in-geheimer-mission-13051209.html

Und die Geschichte geht weiter ...
Die neuesten Entwicklungen finden ich unter anderem am 11.08. in der FAZ: http://www.faz.net/aktuell/amazon-verlagert-vertrieb-und-nimmt-disney-ins-visier-13092277.html

Wer einen differenzierteren Blick auf die Lage haben möchte, sollte die Kommentare lesen.

(Red. JW)