Jean Giraud alias Moebius alias Gir
Jean Giraud alias Moebius alias Gir

* 8. Mai 1938 in Nogent-sur-Marne; † 10. März 2012 in Paris

Über kaum einen europäischen Comiczeichner ist so viel geschrieben worden wie über den Schöpfer von „Blueberry" und „John Difool" - um hier nur seine bekanntesten Figuren zu nennen.

Ich maße mir nicht an, den vielen hochkarätigen Monografien und Fernsehdokumentationen über ihn und sein Werk an dieser Stelle etwas Substanzielles hinzufügen zu wollen.

Viele haben versucht, den Mann mit den vielen Namen aus unterschiedlichsten Blickwinkeln zu fassen, kaum jemandem ist gelungen, ihm eine scharfe Kontur zu verleihen. Offenbar war er vieles, vielleicht zu vieles.

Ich bin ihm zweimal begegnet.

Beim ersten Mal saßen er, ich, sein damaliger deutscher Verleger Georg F.W. Tempel und Detlev Wahl von Hummelcomic nach einer Pressekonferenz im Hamburger Literaturhaus auf der östlichen Alsterseite fest, während Moebius im Laden auf der westlichen Seite zu einer Signierstunde erwartet wurde.

Er hatte bereits die Belegschaft des Literaturhaus-Cafés gegen sich aufgebracht, weil er die Früchte des eigens für ihn herbei geschafften Obstkorbs der Reihe nach betastet hatte, um, abgesehen von zwei Äpfeln, alle anderen als „ungenießbar" auszusortieren. Dem kurz vor einem Wutausbruch stehenden Oberkellner wurde erklärt, dass Moebius spüren könne, ob jemand bei der Ernte, dem Transport und der Zubereitung der Früchte „negative Energie" auf diese übertragen habe - und dass es ansonsten keine Diskussion gebe.

Nun wurde Moebius gerade behutsam erläutert, dass kaum noch eine Möglichkeit bestehe, pünktlich auf die andere Seite der Alster zu gelangen, selbst in einem Taxi würden wir zu spät eintreffen - worauf Moebius ein Taxi als Fortbewegungsmittel kategorisch ausschloss.

Ein Fußmarsch um die Außenalster herum würde drei Stunden dauern. Moebius würde vermutlich 4,36 Stunden brauchen. Die wartenden Fans würden inzwischen den Laden demolieren. Panik auf den Gesichtern seiner Begleiter. Was tun?

Ich war geheuert worden, um Fotos zu machen, hatte also eigentlich keine Sprechrolle in diesem Stück. Also meldete ich mich vorsichtig zu Wort, um zu fragen, ob Moebius auch eine Bootsfahrt ablehnen würde - immerhin tuckern die guten alten Alsterdampfer recht laut und rußig vor sich hin. Doch so esoterisch wie von mir befürchtet war Moebius dann doch nicht: Nachdem er sich erkundigt hatte, was seine deutschen Begleiter gerade hin und her überlegten, entschied er umgehend, zum Anleger aufbrechen zu wollen.

Dort mussten wir eine Viertelstunde auf den Dampfer vom gegenüberliegenden Ufer warten. Moebius nutzte die Zeit, um mit drei oder vier Schwänen zu schwätzen.

Langer Rede kurzer Sinn: Wir kamen fast eine Stunde zu spät zur Signierstunde, die wartenden Fans standen zwei Häuserblocks die Straße entlang in der sengenden Sonne, und Georg Tempel schrieb mir ein paar Wochen später eine Karte, dass Moebius gesagt habe, die Fahrt über die Alster gehörte zu seinen schönsten Erinnerungen an seine Signiertour durch Deutschland.

Was kaum jemand weiß: Moebius bedankte sich bei seinen Fans, die er so lange hatte warten lassen, mit einem Comic. Würde man all die Alben, die er damals signierte, wieder zusammenbringen und Moebius' Widmungszeichnungen in der richtigen Reihenfolge betrachten, so würde sich eine fortlaufende Erzählung in Bildern ergeben.

Moebius war ein Magier.

Das zweite Mal begegnete ich Moebius ein paar Jahre später in Angoulême. Es war der Eröffnungsabend des Comicsalons, den ich damals jedes Jahr besucht habe. In diesem Jahr führte ich den geschätzten Kollegen Christian Puille ein. Während der üblichen Eröffnungsrede erkundeten wir die relativ leere Stadt. Leer, weil alle Salonbesucher sich im Veranstaltungszelt drängten, um den Ansprachen und Glückwünschen der Honoratioren zu lauschen.

Nachdem schließlich die Reden gehalten worden waren und die Stadt sich zu füllen begann, suchten Christian und ich das Zelt auf, um uns unbedrängt ein Bild machen zu können. Der Auftaktabend des Salons bietet die einzige Gelegenheit, die eingerichteten Stände zu sehen, ohne in seinem Aktionsradius von Besuchermassen eingeschränkt oder gar in unerwünschte Zelt-Regionen hinein geschwemmt zu werden.

Christian und ich traten durch die Eingangsplanen ein und ich drehte, um ihn als sein Location-Scout „vor Ort" willkommen zu heißen, mit ausgebreiteten Armen eine überschwängliche Pirouette - und rempelte prompt jemanden an.

Nach einem geradebrechten „Excusez moi, monsieur!" blickte ich in Christians entsetztes Gesicht. „Was ist denn los?", wollte ich wissen. „D... d... du bist gerade Moebius auf den Fuß getreten!", brachte er fassungslos hervor.

„Ja", meinte ich, „alle großen Kollegen werden hier sein. Da wird es sich nicht vermeiden lassen, einem auch mal etwas näher zu kommen." - „Aber das war Moebius!" - „Ich weiß, ich bin mal mit ihm über die Alster gefahren. Er redet mit Schwänen, weißt Du ..."

Um Christian ein wenig zu beruhigen, beschlossen wir, Moebius zu folgen, der in einen Quergang abgebogen war. Wir sahen, wie er am Ende des Gangs mit einem Hammer herumfuchtelte und ein paar jungen Leuten Anweisungen erteilte, die mit der Ausschmückung eines Messestands beschäftigt waren. Es handelte sich dabei um den Stand von Les Humanoïdes Associés, jenes Verlages, den Moebius 1975 mitgegründet hatte, um „Métal Hurlant" zu publizieren. Und hier stand er nun, rund zwanzig Jahre später, erteilte Anweisungen, besorgte Werkzeug und kümmerte sich um eine ansprechende Präsentation der Produkte, die er und seine Geschäftspartner verkaufen wollten.

Moebius war also auch ein erfolgreicher Unternehmer in eigener Sache.

Er war außerdem eine inspirierende „Graue Eminenz" hinter zahlreichen SciFi- und Zeichentrickfilmen.

Er war ein Visionär. Kein Esoteriker, aber ein Gaukler. Ein Baumeister von Universen und Lenker von Welten.

Er war all das und noch viel mehr.

Aber vor allem war er ein herausragender Kollege, ein Jahrhundert-Zeichner.

Er wird uns fehlen.

 

Jens R. Nielsen, am 12. März 2012

(Red. CS)