Interview mit Martin Armbruster

Vor drei Jahren haben wir die Reihe der IO-Interviews mit dem Illustrator Martin Armbruster gestartet. Damals sprach ich mit ihm über seine geplante Kinder-App „Die Brille” und deren Finanzierung mit Hilfe von Crowdfunding.
Nun hat „Die Brille”, die er zusammen mit den Würzburger Spieleentwicklern von Gentle Troll Entertainment entwickelt hat, den Deutschen eBook-Award in der Kategorie „Kinder und Jugend” gewonnen! Grund genug nicht nur zu gratulieren, sondern noch einmal einen Blick auf die Entstehung der App zu werfen.


Herzlichen Glückwunsch zum Deutschen eBook-Award – toll! Was bedeutet der Preis für dich und deine Mitstreiter?

Vielen Dank! Es ist einfach schön für alles, was man an Zeit und Mühen in das Projekt investiert hat, eine offizielle Anerkennung zu bekommen. Den Kindern macht die App eine Menge Spaß und die Resonanz allgemein war sehr positiv, aber das ist nochmal das Sahnehäubchen. Der Preis tröstet auch über das hinweg, was eher enttäuschend verlief.

Screenshot: der Badesee - ohne die Brile gesehen

Wir haben ja 2013 über die Finanzierung der App mit Hilfe einer Startnext-Kampagne gesprochen. Offenbar war das ein Erfolg?

Die Freude war groß, als wir das Fundingziel erreicht haben. Ohne das Geld hätten wir die App nicht produzieren können. Aber es war auch eine Menge Arbeit, was wir damals ein wenig unterschätzt hatten.

Wie ging es mit der App weiter, nachdem ihr das Geld zur Verfügung hattet?

Es war sehr entspannend zu wissen, dass man die anderen Beteiligten alle bezahlen kann und nicht genötigt ist, selber in finanzielle Vorleistung gehen zu müssen. Das war eine Sorge weniger. Danach war dann die Herausforderung, zwischen unseren Jobs die Zeit zu finden, die App zu produzieren.

Screenshot: der Badesee - durch die Brille gesehen

Lief alles nach Plan oder gab es auch Überraschungen?

Oh nein, es lief nicht alles nach Plan! Wie erwähnt konnten wir nur in unserer freien Zeit die App weiterentwickeln. Am Ende zogen zweieinhalb Jahre ins Land, bis alles fertig war. Zwischendurch stellte sich das Problem, dass das erste Programm, mit dem Michel den ersten Prototypen gebaut hatte, veraltet war und man sich da umorientieren und alles Bisherige neu bauen musste. Manche Teile der App waren plötzlich viel aufwändiger und benötigten viel mehr Speicher als zuerst gedacht. Am Ende haben wir ungefähr doppelt so viel Arbeit hineingesteckt, wie wir ursprünglich angenommen hatten. Zu guter Letzt hatten wir dann noch ein Anfänger-Problem bei der Freischaltung im Appstore und wir mussten unser erstes Release-Date nochmal verschieben. Das war ehrlich gesagt ein Tiefpunkt.

Screenshot: das Kinderzimmer - ohne die Brille gesehen

Ende letzten Jahres ist die App dann erschienen. Wahrscheinlich gar nicht so einfach nicht in der Fülle der Neuerscheinungen unterzugehen, oder? Wie macht man Werbung für eine App, wenn man nicht das Budget eines großen Konzerns hat?

Das Wichtigste bei der Veröffentlichung ist die Sichtbarkeit. Da haben die Großen natürlich ganz andere Budgets und Möglichkeiten, bzw. schon intakte Kanäle. Wir haben dann inständig gehofft, das wir ein Feature im Appstore bekommen. Das heißt, dass man an prominenter Stelle oben in der Kopfleiste mit Banner präsentiert wird. Aber das als Newcomer ohne Beziehungen zu bekommen, ist ein Riesenglück. Leider wurde uns das nicht zuteil und wir haben unser Presskit an jeden einzelnen relevanten Kontakt persönlich verschickt, den wir ermitteln konnten. Auf Facebook haben wir natürlich einen großen Wirbel gemacht und einfach versucht jede Möglichkeit zu nutzen, „Die Brille“ zu promoten. Wir waren auf Conventions, haben Flyer verteilt, saßen in der Bücherei und auf Kunstmärkten mit unseren Postkarten und Aufklebern. Das Marketing war nochmal eine besondere Erfahrung, die uns wichtig war. Wir haben dadurch dann eine Menge neuer Kontakte knüpfen können, die für die Zukunft auch eine Rolle spielen.

Screenshot: das Kinderzimmer - durch die Brille gesehen

Wie waren die Reaktionen eurer ersten Leser?

Sehr gut. Den Kindern schien es viel Spaß zu machen, alle Szenen durchzuprobieren, um sich dann nochmal alles durchzuschauen. Den Eltern hat die App auch gut gefallen. Natürlich gab es auch Kritik, aber wir bekamen insgesamt viel positives Feedback.

Anders als bei einem Buch, das irgendwann gedruckt wird und dann fertig ist, braucht eure App vermutlich regelmäßige Aktualisierungen und Support. Wie aufwändig ist das?

Das haben wir relativ schmal gehalten. Wir haben noch ein Update rausgebracht, sodass „Die Brille“ auch auf dem iPhone funktioniert. Aber fürs Erste bleibt alles wie gehabt. Gott sei Dank performt die App auf allen Plattformen stabil und es war bisher kein größerer Support nötig.

Man hört immer mal wieder, dass die Produktion animierter Kinder-Apps auch für große Verlage nicht unbedingt rentabel ist. Wie schätzt ihr nach euren Erfahrungen die Chancen für kleine Teams und engagierte Einzelkämpfer ein?

Auf dem Computerspielmarkt ändern sich die Bedingungen enorm schnell und die Goldgräberstimmung im Appstore ist jetzt leider auch schon wieder eine Weile vorbei. Hätten wir damals vor drei Jahren direkt die App umsetzen können, hätten wir vielleicht mehr Erfolg gehabt, was aber Spekulation ist. So ist im Moment der Revenue recht bescheiden. Für so ein Projekt muss man als einer der Kleinen eine Menge Idealismus mitbringen. Die Chance, dass so ein kleines Spartenprodukt finanziell besonders erfolgreich ist, ist eher gering.

Wie geht es nach dem Award für Die Brille für euch weiter?

Hauptsächlich gehen wir jetzt wieder jeweils unserem Tagesgeschäft nach. Wir hoffen, dass die App mit dem Preis ein paar Türen öffnet und sich neue Möglichkeiten ergeben. Ideen für neue Projekte sind da und es gibt ein paar neue Kontakte, die vielversprechend sind. Das braucht nur etwas Zeit.

 

Weitere Links zur App Die Brille:
http://brillenabenteuer.de
http://www.facebook.com/DieBrilleApp
http://luftlinie-produktion.de
http://gentletroll.com
http://www.herrarmbruster.de

Wie alles anfing – das Interview zu Projekt-Entwicklung und Crowdfunding Kampagne.

Zu Martins IO-Portfolio

Alle Bilder zum Interview: Luftlinie Produktion UG

 

Das Gespräch führte Constanze Spengler für die Illustratoren Organisation e.V.

 
(Red. CS)