Interview mit Stefanie Jeschke
Stefanie Jeschke sowie der Blick in ihr Atelier.

Woran arbeitest du im Moment?

Momentan arbeite ich unter anderem an einem Wimmelbuch und an einer Vorlesestrecke für DIE ZEIT. In der ZEIT wird gerade das Buch "Hilfe! Ich will hier raus!" von Salah Naoura in elf Teilen abgedruckt, für das ich auch schon die Buchillustrationen erstellt habe.

Illustrationen für das Buch "Hilfe! Ich will hier raus!" von Salah Naoura, welches in mehrerern Teilen in der ZEIT gedruckt wird.

Erzähle uns doch mal, wie es dazu kam, dass du Illustratorin geworden bist!

Ich wollte schon immer Grafikdesign studieren und die Welt verschönern. Mit meinem Studium der Visuellen Kommunikation an der Bauhaus-Uni in Weimar habe ich das ja eigentlich auch realisiert, zumindest das mit dem Studium. Bereits im ersten Semester merkte ich allerdings, dass mir die illustrativen Aufgaben am besten lagen. Im folgenden Projektstudium habe ich dann immer wieder Projekte belegt, die irgendwie illustrativ bearbeitet werden konnten (Druckgrafik, Stop-Motion-Animation oder Heft- und Buchprojekte).

Da es in Weimar keinen direkten Studiengang Illustration gab, hatten wir Dank Werner Holzwarth jedes Semester einen anderen Gastprofessor aus dem Bereich Illustration. Das ermöglichte uns ein unglaublich facettenreiches Studium mit unterschiedlichsten Einflüssen von besonderen Illustratoren-Naturen.

So gab es ein Semester mit Jutta Bauer, Sophie Schmid, Philip Wächter aber auch Tim Weiffenbach von der IO hat mich in meiner Entwicklung und in meinem Verhalten gegenüber Auftraggebern stark und positiv beeinflusst. Bereits während des Studiums veröffentlichte ich die ersten Bücher, was den Start in die Selbstständigkeit doch erheblich vereinfachte.

Illustration aus "Ich wär so gern ... dachte das Erdmännchen" von Werner Holzwart. Das Buch erschien 2012 im Gerstenberg Verlag.

Welche Inspirationsquellen haben deinen Stil und deine Bildsprache geprägt?

Ich habe eigentlich gar keine besondere Inspirationsquelle. Ich mag alles, was meinem Verständnis für Ästhetik und guter Gestaltung entspricht. Stilistisch erfuhr ich ganz sicher die Prägung durch das Studium in Weimar und die Tatsache, dass da eben keine permanent gleiche Gestalterpersönlichkeit als Professor vor einem stand.

In meiner täglichen Arbeit merke ich auch, dass ich gerne auf unterschiedlichste Medien zurückgreife. Wenn ich zum Beispiel für Erwachsene illustriere, vornehmlich im touristischen Bereich, dann arbeite ich sehr gerne ausschließlich am Computer; für Kinderbücher male ich gerne immer noch alles per Hand oder collagiere viel. Diese unterschiedlichen Techniken helfen, von der eigenen Arbeit nicht so schnell gelangweilt zu sein. :o)

Der jährlich erscheinende Weimarer Adventskalender, an dem neben Stefanie noch 23 weitere Illustratoren mitwirken.

..und wie genau sah dein Einstieg in die Branche und deine Strategie, an erste Jobs zu kommen, aus?

Eigentlich fing alles mit meinem ersten Besuch auf der Kinderbuchmesse in Bologna an. Nachdem ich kurz schockiert war über die Massen an Illustratoren und guten Bücher auf dem internationalen Markt, reihte ich mich einfach ganz offensiv in die ersten Mappenschlangen ein.

Ich traf nicht überall auf interessierte Gegenüber. Dadurch lernte ich aber auch, zu selektieren und dass eben nicht jeder Stil zu jedem Verlag passt. Ich saugte jede Anregung der Lektoren wohlwollend auf und notierte mir Bemerkungen akribisch. Zu Hause wieder angekommen entwickelte ich dann speziell für die jeweiligen Verlage zugeschnittene Portfolios und verschickte diese an meine Gesprächspartner.

Bis ich allerdings einen Auftrag aufgrund meiner verschickten Portfolios bekam, dauerte es eine Weile. Aber irgendwann passierte es dann. Und mit der Veröffentlichung meines ersten Buches kamen dann auch regelmäßig weitere Anfragen.

Sehr effektiv erscheint mir auch noch immer unser Weimarer Adventskalender. Seit über 5 Jahren gibt es den Kalender zur Vorweihnachtszeitverkürzung, der prall gefüllt ist mit illustren Bildern. Wir verschicken die Kalender an gute Kontakte in Verlagen und Agenturen und potenzieren somit die Streuwirkung, da jeder Illustrator seine Kontakte mit einbringt.

Eine weitere Arbeit aus "Ich wär so gern ... dachte das Erdmännchen" von Werner Holzwart.

Du bist spezialisiert auf Kinderbuchillustration. Wie funktioniert bei dir der Arbeitsablauf mit deinen Auftraggebern?

Ich bekomme, meistens per Mail, eine Anfrage von einem Verlag. Ich lasse mir dann das Exposé zum geplanten Buch schicken und entscheide dann, ob das Buch inhaltlich zu mir passt, ob ich es zeitlich stemmen kann und auch ob es mir gefällt. ;o) Dann folgen die Vertragsverhandlungen und die regen Diskussionen um die Vergütung. Bis jetzt sind wir uns fast immer einig geworden, auch wenn die Diskussionen, obwohl ich ja auch erst 5 Jahre verhandle, immer kontroverser werden. Leider.


Und dann geht's eben irgendwann los: Ich erstelle kleine Scribble, kaum daumennagelgroß, die die Szene und die Komposition zeigen. Diese Scribble sind in den meisten Fällen nur für mich und nicht für die Verlage gedacht. Dann zeichne ich die Szene/Figur in Originalgröße und ergänze auch Details. Diese Skizze bekommt der Auftraggeber zur Abstimmung. In diesem Stadium ist bei mir eine Korrektur möglich.

Nach Freigabe der Skizze durch den Auftraggeber, entwickle ich mir eine kleine Farbskizze und zeichne alles rein. Sofern es sich um eine handgemachte Originalillustration handelt, schicke ich das Original im Anschluss an den Verlag, der dann in der Regel die Scanarbeiten durchführt.

Hier können wir uns Stefanies Arbeitsweise für Auftragsillustrationen für DIE ZEIT ansehen.

Du lebst und arbeitest in Treuenbrietzen, einem kleinen Ort im Land Brandenburg. Wie ist das so als Illustratorin? Hast du ein Netzwerk und gibt es Aktionen wie z.B. Ausstellungen, an denen du mitwirkst?

Ich bin hier in Treuenbrietzen in ganz verschiedenen Aktivitäten und Vereinen eingebunden und fast alle haben überhaupt nichts mit meiner Arbeit zu tun. Ich bin darüber auch sehr froh. Ich muss in meiner Freizeit nicht nur über gestaltungsrelavante Dinge reden.

Außerdem mag ich diese familiäre jeder-kennt-jeden Situation. Die "normalen" Probleme der Nichtgestalter um mich herum inspirieren und motivieren mich ganz oft auch zu ungewöhnlichen Ideen und bemerkenswerten Kombinationen. Gerade die artfremden Bereiche, und das ist durchaus wörtlich gemeint, bieten meines Erachtens ungeahnte Kombinationsmöglichkeiten.

So arbeite ich zum Beispiel regelmäßig mit der Waldgaststätte "Zur Alten Eiche." zusammen, wodurch auch ein Projekt des Landesamt für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz in Brandenburg, der "Naturparkteller-Tag", zustande kam. An diesem Tag liegen in 15 Gaststätten Tischsets mit der Naturparkkarte auf den Tischen und serviert werden nur Speisen mit Zutaten aus der Naturparkregion. Ich finde es spannend, auch regionale Projekte hier vor Ort mit meinen Illustrationen zu begleiten. Möglichkeiten gibt es unglaublich viele und meistens ist das Budget, verglichen mit Verlagsprojekten, sehr O.K.

Natürlich halte ich auch Kontakt zu anderen Illustratoren und Gestaltern, zum Beispiel durch die IO oder regional durch Kreativtreffen in Potsdam und Umgebung. Mit ehemaligen Kommilitonen bin ich ja durch den Adventskalender verbunden und mit einigen auch durch gemeinsame Buchprojekte.

Stefanies Atelier.

Arbeitest du in einem Atelier oder von Zuhause aus, und warum?

Ich habe mein Atelier in dem Haus eingerichtet, in dem ich auch lebe. Dort veranstalte ich regelmäßig Ausstellungen und auch zu den jährlichen im ganzen Land Brandenburg stattfindenden "Tagen des Offenen Ateliers", bin ich immer dabei.

Da mein Atelier eine Tür zur Hauptgeschäftsstraße von Treuenbrietzen hat, bekomme ich auch hin und wieder Besuch von Interessierten oder Touristen, die sich dann meine Bücher anschauen und auch die ausgestellten Skizzen und Originalillustrationen an den Wänden.

Glücklicherweise gibt es einen kleinen Buchladen im Ort, der seit einiger Zeit auch meine Bücher vorrätig hat. Das ist ganz praktisch und passt gut zu meiner "Think Global, Act Local"-Philosophie.

Ein Atelier ist auch deshalb für mich wichtig, weil ich abends einfach abschließen und die Arbeit hinter mir lassen kann. In unserer Branche ist es schon schwer genug, die Projekte nicht mit ins Privatleben zu schleppen, da man den Kopf nun einmal nicht einfach abschalten kann. Wenn ich meine Arbeit aber auch noch ständig beim Bügeln oder Frühstücken sehen müsste, dann würde ich glaube ich irgendwann durchdrehen. Ich brauche eben einfach auch mal Abstand. Ich finde, man gewinnt dadurch einen völlig neuen, kritischen Blick auf die eigene Arbeit.

Piratenillustration für ein Lino-Buch von Harriet Grundmann.

Gibt es ein Projekt, was du vielleicht schon lange auf dem Zettel hast und liebend gern eines Tages realisieren würdest?

Kein konkretes. Ich würde gerne mein ganzes Leben lang die Möglichkeit haben zu illustrieren. Es ist für mich der tollste Job auf Erden, weil er einfach so wahnsinnig abwechslungsreich ist.

Klingt vielleicht kitschig, aber ich liebe es einfach, für jedes neue Projekt mich stundenlang in völlig neue, unbekannte Materie einzuarbeiten. Jedes Projekt trägt dazu bei, dass ich mich auch persönlich weiterentwickle. Es ist also mein Lebensprojekt, das ich jeden Tag aufs neue gerne realisiere :o)

Besten Dank für das Interview!

 

Stefanies Portfolio Seite


www.stefaniejeschke.de

 

Alle Bilder zum Interview: Stefanie Jeschke // Foto von Stefanie: Henrike Hiersig


Das Interview fuehrte Anne Quadflieg fuer die Illustratoren Organisation e.V.