Interview mit Christa Unzner
Christa Unzner im Atelier und eine Illustration zu Romeo und Julia, Kindermann Verlag 2003

 

Christa Unzner kennt die deutsche Kinderbuchszene seit über 30 Jahren. Angefangen hat sie als Grafikerin in einer Werbeagentur. Heute ist sie besonders für ihre Klassikerillustrationen für Kinder bekannt.

Christa, bevor du angefangen hast Bücher zu illustrieren hast du in einer Werbeagentur gearbeitet: Der einzigen der DDR. Wie bist du dort gelandet und wofür habt ihr damals eigentlich Werbung gemacht?

Ja, diese Frage ist in der Tat interessant, da kann man viel über das Künstler-Dasein in der DDR erzählen.
Ich habe an der FH in Berlin studiert (damals Fachschule). Alle Absolventen mussten für 3 Jahre eine angestellte Tätigkeit aufnehmen. Man wurde vermittelt, so landete ich in der DEWAG-Werbung.
Im Inland gab es so gut wie keine Produktwerbung, nur in der Exportwirtschaft. Ein großes Arbeitsfeld waren dagegen die Parteitage, Massenveranstaltungen und dergleichen. Damit hatte ich nichts am Hut und glücklicherweise auch nichts zu tun. Ich arbeitete für den "Binnenhandel". Man entdeckte sehr schnell, dass ich eine ziemlich gute Zeichnerin bin und ich malte von Stund an bunte Bilder allgemeinen Inhalts wie „die Jahreszeiten" oder z.B. einen Märchenzyklus. Die wurden dann in die Schaufenster gehängt, um das etwas dürftige Warenangebot zu kaschieren. Man schätzte meine Arbeit so, dass ich nach wenigen Wochen zuhause arbeiten durfte. Das war ein Privileg, ich hatte eine gewisse Narrenfreiheit.
Nach diesen 3 Jahren wurde ich (das war zwingend, um eine Steuernummer zu bekommen), Mitglied im Verband Bildender Künstler, kündigte bei der DEWAG, und fing an, freiberuflich als Illustratorin zu arbeiten.

Illustration aus der Agenturzeit

Dein erstes illustriertes Kinderbuch erschien dann 1982. Wie bist du zu deinen ersten Aufträgen gekommen?

Ich stellte mich eines Tages ziemlich schüchtern beim Verlag Neues Leben vor. Da lag bei einem etwas brummeligen künstlerischen Leiter ein dickes Manuskript mit dem Arbeitstitel „Humorgeschichten”.  Er meinte: „Frauen haben doch gar keinen Humor, aber OK, versuchen Sie's mal”.

Wie war es als freiberufliche Illustratorin in der DDR zu arbeiten? Honorare aushandeln, Auflagenhöhen, Zusammenarbeit mit dem Lektorat - vieles lief wahrscheinlich anders ab als heute, oder?

Grundsätzlich lief es sehr viel persönlicher. Da sich die meisten Verlage in Berlin befanden, ging man in der Regel persönlich in den Verlag. Man nahm sich auch viel mehr Zeit, plauderte mit den Lektoren, traf auch mal Kollegen dort. Über Honorare hat man schon mal ein bisschen gefeilscht, über Auflagenhöhen überhaupt nicht. Dazu gab es auch keinen Grund. Die Auflagen waren - für heutige Begriffe - traumhaft hoch, 20 000 Expl. Erstauflage. Und diese waren schnell vergriffen. Kinderbücher gehörten in der DDR auch zur sogenannten „Bückware”.

 

 

Dunkel war's, der Mond schien helle, Altberliner Verlag, Erstaufl. 1987

Für viele Kollegen aus der DDR muss die Zeit nach der Wende schwierig gewesen sein. Die Zahl deiner Veröffentlichungen nimmt sogar noch zu. Wie hast du das geschafft?

 Am Tag als die Mauer fiel saß ich bei meinem Onkel in Südfrankreich heulend vor dem Fernseher. Das war total irre. Mir wurde dann sehr schnell klar, dass nichts mehr so sein wird wie es war. Jedenfalls aus der beruflichen Perspektive. Und ich wusste auch, dass die Verleger nicht auf Knien zu mir anrutschen würden. Also habe ich mich gekümmert, bin nach Paris gefahren, habe bei Nathan angeklopft und bald darauf den ersten Auftrag bekommen. Später habe ich mir den deutschen Markt angeschaut und mich bei Verlagen vorgestellt von denen ich den Eindruck hatte, dass meine Art zu illustrieren passen würde. Es ergab sich daraus eine, über viele Jahre währende Zusammenarbeit mit dem Nord-Süd Verlag.

Das blaue Monster, Nord Süd Verlag 1997 und Hamlet, Usborne Publishing 2009

Seit den 90er-Jahren hast du immer wieder für internationale Verlage gearbeitet. Welche Erfahrungen hast du dabei gemacht?

In Frankreich, Anfang der 90er Jahre, hatte ich eine sehr angenehme Zusammenarbeit mit Nathan. Das ging locker, unkompliziert zu, seriös und sehr kompetent.
Als ich von 2002 bis 2008 in Lateinamerika lebte, habe ich über eine internationale Agentur den Kontakt zu amerikanischen Verlagen gefunden. Diese Erfahrung war leider überwiegend negativ. Ich hatte das Gefühl, die wollten ein bestimmtes „Produkt” kaufen, von dem sie schon vorher genau wussten, wie es auszusehen hat. Es musste immer noch netter, niedlicher und süßlicher sein. Und wenn es dann immer noch nicht genau so war, dann gingen sie eben noch mit Photoshop hinein, und machten aus einem zarten Sepia-Ton ein Hellgrün.

Kuku, König der Tierkreiszeichen, Desina Verlag 2010
Steffi Staune im Schnee, Edition Bilibri, erscheint 2014

 

Die Möglichkeiten der digitalen Technik haben das Leben von Illustratoren verändert.  Welchen Einfluss hat das auf deine Arbeiten?

Naja, erst mal habe ich das alles weit von mir gewiesen. Aber dann wurde ich neugierig und habe vieles ausprobiert. Ein riesiges Experimentierfeld, stundenlanges Sitzen vor dem Computer, rote Augen ... Ich habe alles Mögliche an Mischtechniken ausprobiert, auch ganz ausschließlich digital gearbeitet.
Heute kehre ich immer wieder gerne zur guten alten aquarellierten Zeichnung zurück. Schneller geht es allemal, noch immer.

Das verrückte ABC, unveröffentlicht

Was, denkst du, sind die größten Veränderungen, die es in den letzten Jahrzehnten im Kinderbuchbereich gegeben hat?

Ich habe den Eindruck, dass der Markt vielfältiger geworden ist. Ein Generationswechsel und damit auch ein Paradigmenwechsel haben stattgefunden. Andere Stile sind gefragt und haben sich, nicht zuletzt durch digitale Mittel entwickelt. Das künstlerisch wertvolle Kinderbuch ist trotzdem  im Kurs gestiegen und die früher eher etwas betuliche Kinderbuchlandschaft ist frecher, stilistisch mutiger geworden. Einerseits. Andererseits gibt mehr denn je, so scheint es mir, den riesigen Bereich „Rosarote Prinzessin Sowieso”, oder für die Jugendlichen die Vampirwelle, die immer noch en vogue zu sein scheint.
Und nicht zuletzt: Das interaktive Buch, Computerspiele, überhaupt die ganze digitale Welt, führen zu einer  Polarisierung. Das illustrierte Kinderbuch ist nach wie vor in großer Vielfalt da, aber es wird enger auf dem Markt und die Zielgruppe in Zukunft kleiner, vermute, fürchte ich.

Danke für das Interview!

Zu Christas IO-Portfolio

Mehr zu Christa Unzner: www.christa-unzner.de

Alle Bilder zum Interview: Christa Unzner

 

Das Gespräch führte Constanze Spengler für die Illustratoren Organisation e.V.

(Red. CS)