Interview mit Matthias Emde

Matthias Emde betreibt erfolgreich ein Grafik-Büro. Sein Spezialgebiet dabei ist die wissenschaftliche Illustration.

Woran arbeitest du gerade?

Im Moment habe ich einige Projekte parallel: Da sind zwei Bücher für Vor- und Grundschulmathema­tik, ein Biologie-Schulbuch, eine Grafik zu einer Antikörper-Therapie, Grafiken für eine Broschüre über regenerative Energien, Illustrationen für einen Film über die Mechanik unseres Geldsystems, eine histo­rische Karte, Illustrationen zur Vitamin-D-Entstehung, technische Illustrationen für Produktions­über­wachung und dann überarbeite ich gerade einige über mehrere Jahre hinweg entstan­dene Illustra­tionen, weil sich das Corporate Design des Unternehmens geändert hat, weshalb der alte Look nicht mehr passt. Uff, eine ganze Menge, merke ich gerade.

Wissenschaftliche Illustration ist einer deiner Schwerpunkte. Was sind die besonderen Herausforderungen in diesem Bereich?

Es ist weniger eine Herausforderung, sondern vielmehr eine Freude, denn ich kann mit meiner Arbeit zwei Leidenschaften kombinieren: Gestaltung und Naturwissenschaft. Ich bin ja diplomierter Geologe. Allerdings war Illustration schon fast mein ganzes Leben lang ein großes Hobby. Ich mache eben beides gerne, Zeichnen und Forschen. Herausfordernd im positiven Sinne ist, dass ich mich immer wieder mit neuen Themen auseinander setzen muss und dadurch natürlich auch eine Menge lerne. Auch der didaktische Anspruch ist sehr spannend, denn eine Grafik für Schulkinder sieht anders aus als für interessierte erwachsene Laien und noch mal ganz anders als für spezialisiertes wissenschaftliches Fachpublikum, selbst wenn es um genau das gleiche Thema geht.

Für Schautafel auf geologischem Lehrpfad, Kunde: Gemeinde Hasel, Baden-Württemberg

Hast du Lieblingsthemen, zu denen du besonders gerne illustrierst?

Besonders gerne illustriere ich komplexe Themen, also Themen, bei denen die Zusammenhänge nicht einfach zu verstehen sind, in die man sich „reinknien” muss. Hierbei finde ich den Prozess der Entstehung immer wieder spannend, denn oft entwickle ich mit meinen Kunden zusammen die Lösung, trage also mit meinen Grafiken zur Weiterentwicklung des Themas bei. Dann gibt es natürlich auch Themen, die ich inhaltlich und gesellschaftlich interessant finde: Zum Beispiel die Zusammenhänge der sogenannten Finanzkrise, Themen wie Bildung und Lernen – mein Wunsch ans Universum ist es, mal was für Gerald Hüther illustrieren zu dürfen. Auch Themen wie gesellschaftlicher Wandel, Konsumverzicht und Permakultur interessieren mich sehr.

 

Karte zum Gallischen Sonderreich, Kunde: Zeitschrift epoc

 

Wie viel Zeit verbringst du mit Recherche? Und: Verstehst du immer alles was du illustrierst?

Die meisten meiner Kunden stellen mir sehr gutes Hintergrundmaterial zur Verfügung und schicken gute Briefings. Daher ist der Rechercheaufwand alles in allem vielleicht bei 10, maximal 20 Prozent. Allerdings frage ich auch sehr gezielt nach und entwickle die meisten Grafiken in mehreren Schritten, bei denen immer wieder zwischendurch die Fachleute eingebunden sind. Das erspart eigenständige Recherche, die ohnehin dann letztendlich wieder durch Fachleute verifiziert werden müsste. Die meisten Themen sind so speziell, dass man wenig im Internet findet, auf das man sich wirklich verlassen kann. Die Internetrecherche dient meistens dazu, dass ich weiß, was genau ich die Fachleute fragen muss.

Zum „Und” in der Frage: Das Wesentliche dessen, was ich darstelle, muss ich verstehen, sonst kommt nichts Gescheites dabei heraus. Man sieht es einer wissenschaftlichen Zeichnung meistens doch an, ob der Illustrator verstanden hat, was er da zeichnet. Genau das bekomme ich auch hin und wieder als Feedback von meinen Kunden – sie wissen es zu schätzen, dass ich mitdenke.

 

Entstehung von Erdöl und Erdgas, Kunde: Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft

 

Mit welcher Software arbeitest du an deinen Illustrationen?

Adobe Creative Suite, hauptsächlich Illustrator und Photoshop, gelegentlich auch InDesign.

Auf deiner Website trittst du nicht als Einzelkämpfer auf, sondern als Grafikbüro. Wieso hast du dich dafür entschieden?

Die meisten meiner Aufträge mache ich als Einzelperson, wobei ich mich hier nicht als „Kämpfer” verstehe, sondern als Dienstleister oder Geschäftspartner. Ich arbeite jedoch sehr gern im Team und kenne eine ganze Menge Leute aus unterschiedlichen Disziplinen, die tolle Arbeit abliefern und sehr zuverlässig und professionell sind. Wenn also ein Kunde bei mir mit einem Anliegen anruft oder mir mailt, dann sehe ich vor meinem geistigen Auge sofort Leute, mit denen sich das bewerkstelligen ließe. Warum also sollte ich das nicht auch so anbieten? Oft genug kommt es auch vor, dass ich selbst die Anfrage gar nicht bearbeiten kann oder will, nicht mal anteilig, weil andere dafür einfach besser geeignet sind. Dann vermittle ich an einen meiner Partner oder Kollegen, denn damit ist allen mehr gedient als wenn ich etwas mache, was ich nicht so gut kann (und mir dann schier einen abbreche) oder ich dem Kunden einfach absagen muss.

Entstehung und Therapie, rheumatische Arthritis, Kunde: Roche Diagnostics über Signum Communication Werbeagentur

 

Für komplexe Aufträge z.B. im Webdesign arbeitest du mit anderen Unternehmen und Freiberuflern zusammen. Wie läuft der organisatorische Teil der Zusammenarbeit ab?

Das ist ganz unterschiedlich und hängt von der Art der Anfrage ab. Webdesign ist noch das Einfachste, weil die Trennung zwischen Design und Technik dort üblich ist. Meistens läuft der Kontakt zum Kunden über mich, ich sammle erstmal die Informationen und spreche dann mit meinen Partnern. Ich bleibe die Kontaktperson, bin also auch der Projektmanager, koordiniere Timings und übernehme die Kommunikation zwischen den einzelnen Teilnehmern - was oft genug eine Art „dolmetschen” ist.

Am häufigsten habe ich bisher mit meinem Kollegen Marcus Frey gearbeitet, und hier klappt die Zusammenarbeit einfach wunderbar. Ich muss gar nicht viel erklären und bekomme trotzdem von ihm so gut wie immer genau das, was gefragt war. Ich arbeite sowieso gerne mit Illustratorenkolleginnen und -kollegen zusammen, und mit einigen der IOler hatte ich auch schon die Ehre, z.B. mit Georg Stelzner, Torsten Wolber, Annette Gack und Erika Heil - um nur einige zu nennen. Dem Kunden gegenüber bin ich da völlig offen, und bisher hatte noch keiner ein Problem damit, die Leistung von einem Team statt einer Einzelperson zu bekommen.

Tiere in der Großstadt, Posterbeilage, Kunde: Verlag Spektrum der Wissenschaft, Zeitschrift neo

 

Wie löst ihr Konflikte - wenn z.B. der Kunde bei einem gemeinsam bearbeiteten Auftrag mit der Arbeit von einem von euch unzufrieden ist?

Interessanterweise kommt das so gut wie nie vor. Mein Fokus ist immer von Anfang an, genau zuzuhören, was der Kunde sich wünscht, was seine Ziele sind, was er mit der Arbeit erreichen will. Außerdem präsentiere ich dem Kunden nicht aus dem Nichts heraus eine fertige Grafik, sondern er ist bei der Entwicklung und den Zwischenschritten stets eingebunden. Das ginge bei diesen komplexen Themen auch gar nicht anders. Erst der Inhalt, dann das „Schönmachen”. Da merke ich zwischendurch, wenn sich eine Unzufriedenheit anbahnt und kann durch gezieltes Nachfragen frühzeitig reagieren. Auch kläre ich die Konditionen immer ganz am Anfang, das schafft eine bessere Grundstimmung.

Für Publikation zum Thema Verwendung von Knochenzement bei Protheseneinsatz, Kunde: Heraeus Medical

Die Durchsetzung eigener AGB ist ja ein Thema, das viele Illustratoren beschäftigt. Du weist auf deiner Website auf deine „Allgemeinen Vertragsbedingungen” hin. Welche Reaktionen von Kunden bekommst du dazu?

Mit jedem Angebot verschicke ich auch meine AGB. Hin und wieder kommt es vor, dass einzelne Passagen meiner AGB auf den aktuellen Auftrag hin angepasst werden, aber das ist selten. Abgelehnt hat meine AGB bisher noch niemand. Meistens stehen die auf den Kunden zugeschnittenen Konditionen ohnehin ausformuliert im Angebot - das betrifft meistens die Nutzungsrechte. Diese Konditionen „überstimmen” die AGB.

 

Vielen Dank für das Interview!

Gerne!

Zu Matthias IO-Portfolio

Mehr zu Matthias Emde: www.emde-grafik.de

Alle Bilder zum Interview: Emde-Grafik 

 

Das Gespräch führte Constanze Spengler für die Illustratoren Organisation e.V.

(Red. CS)