Interview mit Jörg Mühle

Jörg Mühle illustriert für Kinder- und Jugendbuch und Editorial. Seit zwölf Jahren gehört er zur Frankfurter Ateliergemeinschaft „labor”.

Woran arbeitest du gerade?

In diesem Monat liegen einige kleinere Aufträge an: Einzelne Zeichnungen für Museumspädagoginnen, eine Zeitungsillustration, dann muss ich endlich meine Seiten des nächsten Ateliergemeinschaftsbuches angehen und wenn alles super läuft, schiebe ich noch irgendwo ein Pixi-Buch ein. Und nicht zu vergessen: die Steuerklärung.
Leider können gerade Klein- und Kleinstaufträge verhältnismäßig kraft- und zeitraubend sein, da ich immer etwas Anlauf brauche, um mich in ein neues Projekt finden. Ideal für mich sind Pixi-Bücher: Da komme ich mich in der Regel schnell rein und wenn ich erst einmal angefangen habe, kann ich sie wunderbar in ein bis zwei Wochen an einem Stück durchziehen.
Größere Buchprojekte, von denen ich aber gerade aus zeitlichen Gründen keine angenommen haben, machen mir Spaß, wenn ich mich erst einmal auf sie eingelassen habe und kontinuierlich dran bleiben kann. Doch wenn sich die Arbeit an einem Projekt allzu lange hinzieht, kann sie zur Quälerei werden.
Ich mag die Abwechslung und nicht zuletzt auch aus finanziellen Gründen ist die Mischung zumindest für mich sinnvoll.

Pixi-Bücher und eine Illustration für die FAZ

Du arbeitest im Moment nur zwei Tage die Woche und verbringst viel Zeit mit der Betreuung eurer kleinen Tochter. Hat das rein ideelle oder auch wirtschaftliche Gründe?

Leider hat das zunächst einmal ganz profane Gründe: Wir haben keinen Krippenplatz für unsere Tochter bekommen. Als die Kleine etwa sechs Monate alt war, musste meine Frau zumindest an zwei bis drei Tagen in der Woche wieder ihre Arbeit aufnehmen, um ihren Job nicht zu verlieren. Jetzt ist unsere Tochter zwei Jahre alt.
Zumindest phasenweise konnte ich meinen Arbeitszeitverlust durch eine erstaunliche Effektivitätssteigerung ganz gut ausgleichen. Es gab Zeiten, in denen habe ich an drei Tagen so viel geschafft, wie früher an fünf. Und das ist ungemein beglückend.
Es gibt aber leider auch Zeiten, in denen meine Kräfte einfach erschöpft sind und ich kaum etwas aufs Blatt bekomme.
Doch was viel wichtiger ist: Ich genieße die Zeit mit meiner Tochter sehr und freue mich jetzt abwechselnd auf meine Tage mit Kind und auf die mit meiner Arbeit.

Haben sich deine Illustrationen für Kinder verändert seit du selbst Vater bist?

Zunächst einmal hat sich mein Blick auf Kinderbücher verändert: Natürlich lese ich sehr viel vor und es ist interessant, so zu lernen, was (zumindest bei meiner Tochter) besser und was schlechter funktioniert. Das betrifft allerdings viel öfter die Text- als die Bildebene und in dieser Beziehung werde ich wacher und kritischer.
Da ich eher für ältere Kinder arbeite, spüre ich noch keine neuen Einflüsse auf meine eigenen Illustrationen. Allerdings bin ich sicher, dass es die früher oder später geben wird. Und natürlich wächst der Wunsch, Bücher für meine Tochter zu machen.

Illustration aus „Tut mir leid“, erschienen bei Sanssouci im Carl Hanser Verlag, 2008

Was macht für dich eine gelungene Illustration aus?

Ich kann eigentlich nicht erklären, warum ich eine Illustration mag oder warum nicht.
Bei Arbeiten von anderen Illustratoren fallen mir schon keine konkreten, objektiven Kriterien ein, mit denen ich meinen Geschmack begründen könnte. Bei meinen eigenen Zeichnungen wird es noch schwieriger.
Natürlich ist es schon einmal nicht schlecht, wenn ich das Gefühl habe, dass eine Illustration treffend ist, wenn ich sie komisch finde oder auch handwerklich gelungen. Charme sollte sie haben. Und Leben. Doch das ist nur die Theorie. In der Praxis kommt es häufig vor, dass ich zahlreiche Varianten von ein und derselben Zeichnung anfertige, die für Außenstehende noch dazu vermutlich alle gleich aussehen. Ich entscheide mich dann auf einer schwer zu beschreibenden emotionalen Ebene. Und ehe ich jetzt in meinen Ausführungen zu esoterisch werde, möchte ich es mal dabei belassen: Das Bauchgefühl entscheidet.
Nur so viel noch: Oft gebe ich leicht „verzeichneten” Bildern den Vorzug vor allzu glatten.

Was war bisher dein Lieblingsprojekt? Oder: Was wäre ein Wunschprojekt für die Zukunft?

Mein liebstes und bisher sicherlich auch wichtigstes Projekt waren die Illustrationen zu „An der Arche um Acht”, geschrieben von Ulrich Hub. Ich finde den Text großartig, halte es für relevant und liebe das Buch deshalb, empfehle und verschenke es immer wieder gerne. Gerade bei Büchern kann ich meine Bilder schlecht vom Inhalt trennen. Wenn der mich nicht überzeugt, dann kann auch an meinen Illustrationen nicht so recht erfreuen. Glücklicherweise gibt es allerdings neben der „Arche” noch einige andere Bücher, mit denen ich sehr zufrieden bin. Und, nicht zu vergessen, es gab auch mal eine langjährige Zusammenarbeit mit einer Zeitschrift, die mir sehr viel Spaß gemacht hat. Da waren die Texte zwar stets belanglos, doch in gewisser Weise war gerade das der Reiz …
Cover und Innenillustration aus „An der Arche um Acht”, Text von Ulrich Hub, Sauerländer, 2009

Du arbeitest in der Frankfurter Ateliergemeinschaft „labor” - was gefällt dir an der Arbeit im Gemeinschaftsatelier?

Wir arbeiten mittlerweile seit etwa 12 Jahren mehr oder weniger in der selben Konstellation zusammen, auf engstem Raum, in guten und in besseren Zeiten.
Währenddessen hat sich unser Zusammenleben verändert. Anfangs, als Berufsanfänger, hatten wir noch alle ziemlich viel Zeit und viele Fragen, die man wunderbar miteinander besprechen konnte. Heute haben alle Familie und sind gut im Geschäft. Da gibt es fachlich nicht mehr so viel zu klären wie zu Beginn und auch der Freiraum zum Quatschen ist (derzeit insbesondere bei mir) knapper geworden.
Nichtsdestotrotz kann ich mir eigentlich kaum noch vorstellen, mich eines Tages wieder aus dem Atelier zurückzuziehen, um alleine zu Hause in einem Arbeitszimmer zu zeichnen.
Wir kennen uns schon so lange und so gut, dass die Kollegen und -innen für mich so eine Art Zweit- oder Drittfamilie geworden sind. Ich freu mich einfach auf sie.
Und nicht zuletzt gibt's durch die Ateliergemeinschaft auch immer wieder interessante Aufträge, die mich sonst wohl kaum erreichen würden.

Das Labor ist inzwischen fast so etwas wie eine Marke, oder zumindest eines der bekanntesten deutschen Illustratorenateliers. Kürzlich habt ihr sogar in der Frankfurter Schirn, dem Museum für Moderne Kunst, zusammen ausgestellt. Habt ihr von Anfang an bewusst an einem gemeinsamen Auftritt gearbeitet oder hat sich das eher so ergeben?

Ursprünglich war „labor” gar nicht als reines Illustratorenatelier gedacht: Es gab zwei freie Künstlerinnen, die uns jedoch schon lange verlassen haben, und auch heute sind es eigentlich nur drei Vollzeitillustratoren, dazu eine Autorin, die gar nicht zeichnet und vier Grafikdesignerinnen, die die Illustration nur als ein Betätigungsfeld unter mehreren betrachten.
Der gemeinsame Auftritt war jedoch von Anfang an geplant. Die Räume wurden mit der ersten Atelierausstellung eröffnet, ein wichtiger Schritt war eine gemeinsame Homepage. In den frühen Gründungsjahren wurde sogar über einheitliches Briefpapier, ein Logo und so weiter nachgedacht, zu Visitenkarten hat es gereicht. Die gibt es aber schon lange nicht mehr.
Dass es irgendwie gelungen ist, tatsächlich so eine Art Marke zu entwickeln, liegt wahrscheinlich an unserer Ausstellung zur Buchmesse, möglicherweise an der mangelnden Konkurrenz in Frankfurt, an guten Freunden und letztlich natürlich auch an unserer Konstanz.

Wie viel Zeit fließt in gemeinsame Aktionen, zum Beispiel in Ausstellungsvorbereitung oder den Atelier-Blog?

Jedes Jahr zur Buchmesse organisieren wir als Atelier die „Laborproben”, eine Ausstellung der Arbeiten des vergangenen Jahres. Begonnen hat das als eine Art „Tag der offenen Tür”, ursprünglich in unseren Arbeitsräumen. Da können wir sie jedoch schon lange nicht mehr stattfinden lassen, der Andrang wurde schnell zu groß.
Diese Ausstellung ist die einzige gemeinschaftliche Pflichtveranstaltung, eine Woche im Oktober ist für Organisation, Auf- und Abbau reserviert.
Alles andere läuft auf freiwilliger Basis und die Arbeit wird nach freien Kapazitäten, Lust und Laune übernommen oder auch verteilt.
Wahrscheinlich funktioniert unser Zusammenleben nur deshalb, weil es mit der freiwilligen Selbstverpflichtung grundsätzlich irgendwie klappt und die Gruppe es akzeptiert (oder auffängt), wenn sich einzelne aus welchen Gründen auch immer (in der Regel sind es Kinder) weniger stark einbringen können oder wollen.

„Freundebuch” aus dem labor, erschienen bei Beltz&Gelberg, und Jörgs „Mitmalbuch” fürs Städel Museum, 2012

Ihr habt eine ganze Reihe Kinder Kritzel- und Mitmachbücher zusammen illustriert - wie kam es dazu?

Wir haben relativ früh begonnen, eine gemeinsame Mittagspause einzulegen und zusammen zu essen. Bei unseren Tischgesprächen gab es immer wieder Ideen zu gemeinsamen Buchprojekten, die sich jedoch nie konkretisierten, weil der Antreiber fehlte. Bis uns eines Tages Barbara Gelberg von Beltz&Gelberg besuchte, um uns zu fragen, ob wir nicht Lust hätten, ein Gemeinschaftsprojekt für ihren Verlag zu machen.
Da gab es zwar durchaus schon die Grundidee zum ersten Kritzelbuch, doch es sollte noch eine ganze Weile dauern, bis es endlich fertig war. Und weil unser erstes Buch ein ziemlicher Überraschungserfolg wurde, musste nachgelegt werden.

Wie ist es gemeinsam mit Kollegen an einem Buch zu arbeiten? Kritisiert ihr eure Arbeit gegenseitig?

Wir loben uns lieber, als dass wir uns kritisieren. Das ist vermutlich auch konstruktiver.
Trotzdem gibt es bei den Gemeinschaftsprojekten natürlich durchaus Diskussionen, manchmal auch hitzige, die sich aber meist auf das Gesamtkonzept beschränken.
Mit individueller Kritik halten wir uns eher zurück, die gibt es eigentlich nur auf konkrete Nachfrage. Da kann sie sehr hilfreich sein und ich nehme sie gerne in Anspruch, wenn ich mir etwa bei verschiedenen Varianten unsicher bin.

„Schurken überall“, Text von Frank Schmeißer, Ravensburger, 2011
Seht ihr euch manchmal auch als Konkurrenz?

Nein, ganz im Gegenteil: Wir empfehlen uns gegenseitig, vermitteln einander Aufträge und freuen uns über den Erfolg der anderen. Schon immer. Und das Verrückte daran ist, dass alle davon profitieren.

Du engagierst dich in der IO in der Gruppe, die über die Nominierungen für den Astrid Lindgren Memorial Award entscheidet. Was macht ihr da?

Als sogenannter „Nominating Body” ist es unsere Aufgabe, der Jury in Stockholm Kandidaten vorzuschlagen, zwei nationale und zwei internationale, die sich ums Kinderbuch verdient gemacht haben. In unserem Fall natürlich Illustratoren bzw -innen.
Dazu machen wir uns erst einmal gegenseitig Vorschläge, die wir dann bei einem Treffen begründen. Anschließend wählen wir unsere Favoriten aus.
Die müssen nun der schwedischen Jury ziemlich ausführlich vorgeschlagen werden, mit Lebenslauf, ausführlicher Bibliographie, Listen von Ausstellungen und Auszeichnungen und schließlich der schriftlichen Begründung, warum wir glauben, dass sie den Preis verdient haben. Außerdem muss noch eine Auswahl ihrer Bücher nach Schweden.

Danke für das Interview!

Ich habe zu Danken!

 

Mehr Informationen zu Jörg Mühle:
www.laborproben.de
www.laborproben.blogspot.de

Jörg Mühles IO-Portfolio

Das Gespräch führte Constanze Spengler für die Illustrotoren Organisation e.V.

(Red. CS)