Interview mit Martin Armbruster

Martin Armbruster (IO) arbeitet seit einem Dreivierteljahr gemeinsam mit dem Spieleentwickler Michel Wacker und dem Sounddesigner Christian Pier an einer eigenen Kinderbuch-App. Hier erzählt er, wie die Idee dazu entstanden ist und wie das Team die gemeinsame Arbeit und die Finanzierung über Crowdfunding organisiert.

Woran arbeitest du gerade?

Ich arbeite im Moment mit einem Spieleentwickler, Michel Wacker von Starnut, und einem Sounddesigner, Christian Pier von vivalamovie, an einer interaktiven Kinderbuch-App für Tablet-PCs. Es geht um einen kleinen Jungen, der eine besondere Brille entdeckt, durch die er alles plötzlich auf eine ganz verrückte Art und Weise sieht.

Wie ist die Idee zu der App entstanden?

Die Grundidee stammt von einer Silvester-Klappkarte, die ich vor ein paar Jahren gestaltet hatte, mit dem einfachen Vorher/Nachher-Prinzip. Daraus entstanden verschiedene Ideen, die mich dazu brachten über Interaktivitäten nachzudenken. Damit habe ich gespielt und experimentiert. Die Geschichte hat dann erst danach Gestalt angenommen.

Du hast für die App eigens eine Produktionsfirma gegründet: die „Luftlinie Produktion UG" - warum?

Als Firma aufzutreten und das Produkt durch die Firma zu vertreiben verschafft dem Projekt ein ganz anderes Standing. Auch bei Förderanträgen und anderen Aktivitäten zur Finanzierung ist das sehr hilfreich.

Durch die Unternehmungsgesellschaft sind wir eine juristische Person und haftungsbeschränkt. Das heißt bei eventuellen juristischen Problemen sind wir besser abgesichert und haften nicht mit dem Privatvermögen.

Ihr arbeitet ja als Dreierteam an der App - wie organisiert ihr eure Zusammenarbeit?

Vorher war ich Facebook-Muffel, aber dadurch, dass wir auch eine Seite für "Die Brille" dort eingerichtet haben, bewege ich mich jetzt ganz selbstverständlich auf dieser Plattform. Hier können wir gut im Dreieck kommunizieren. Es wird viel telefoniert und ca. einmal die Woche treffen wir uns im Atelier oder jetzt im Biergarten. Über Dropbox, teilen wir Bild-, Animations- und Audio-Dateien. Texte erstellen und bearbeiten wir auf Google Drive. So arbeiten wir alle stets auf dem aktuellen Material und vermeiden Versionskonflikte. Konkrete Aufgabenverteilungen regeln wir über Trello, einen simplen Taskmanager, der uns gleichzeitig einen guten Überblick über den Fortschritt der Entwicklung gibt.

Der erste Prototyp – das Szenario im Park wird getestet

Welche Erfahrungen hattet ihr schon im Geschäft mit Kinder-Apps? Wo habt ihr Informationen oder Hilfe gefunden?

Ich hatte noch keine konkrete Erfahrung mit Kinder-Apps. Unter anderem habe ich vorher für Jugendbücher und auch Schulbücher illustriert. Immer wieder gab es kleine Projekte mit Interaktivitäten, die für das Netz waren. An Animationen arbeite ich laufend. Das Projekt kombiniert all das. Michel hat jahrelange Erfahrung in der Entwicklung von Lernanwendungen, was uns natürlich immens weiterhilft. Er hat sehr viel eingebracht und natürlich haben wir viel im Netz recherchiert und auf dem iPad Kinder-Apps ausprobiert.

Wie lange arbeitet ihr schon daran? Was macht Spaß? Was war bisher am schwierigsten?

Von der Idee bis zur jetzigen Phase ist ein gutes Dreivierteljahr vergangen.

Mir als Einzelkämpfer macht es Spaß mal wieder im Team vor Ort arbeiten zu können und ein gemeinsames Ziel zu haben. Ich lerne eine Menge bei dem Projekt. Sei es über Technik, Marketing, Projektabwicklung und und und...

Unterschätzt haben wir vielleicht ein wenig, wie viel Arbeit die Crowdfunding-Kampagne selber ist. Wir möchten unser Projekt nämlich auf diese Art finanzieren. Da muss man sich schon ziemlich engagieren. Aber das macht eigentlich auch Spaß, weil man viel Kontakt zu ganz verschiedenen Leuten hat. Das ganze Organisatorische, wie beispielsweise die Anmeldung bei Apple, bei Startnext, bei Fidor etc. ist leider eine ziemlich kleinteilige, trockene Arbeit

Wie sieht im Moment ein typischer Arbeitstag von dir aus?

In den letzten vier Wochen der Endphase bin ich permanent dabei Listen zu erstellen und zu recherchieren, wen ich noch anrufen, anschreiben oder ansprechen kann. Ich verteile Flyer. Die Facebook-Seite und unser Blog bei Startnext müssen lebendig gehalten werden. Ich stelle dort Posts mit den Motiven der „Goodies" herein und hoffe darauf, dass das seine Kreise zieht. Und dann muss ich natürlich noch schauen, dass die anderen Jobs vorangehen, weil ich mir keine volle Auszeit nehmen kann.

Kolorierung eins Hintergrundes

Mit welcher Technik setzt ihr euer Projekt um?

Ich male Aquarelle und fertige Zeichnungen an, die dann in Flash koloriert und animiert werden. Fertige Animationen exportieren wir dann als PNG-Sequenzen und packen sie auf große Bilder, sogenannte Spritesheets oder Texturatlanten, um Speicher zu sparen. Den Prototypen und die hauseigenen Test-Werkzeuge haben wir ebenfalls in Flash - also ActionScript 3 - programmiert und dann für iPad exportiert. In welcher Sprache die finale Version entwickelt wird, hängt davon ab, ob wir neben Android und iOS auch noch andere Plattformen ansteuern wollen. Das hat allerdings keine Auswirkungen auf die Grafikproduktion.

Michel beim Debugging

Hattet ihr von Anfang an vor die App selbst, also ohne Verlag etc., zu realisieren?

Wir hatten zwischendurch Kontakt mit einem Publisher und hatten auch darauf gehofft, dass der bereit ist in die Produktion zu investieren. Das war dann nicht der Fall und wir hätten unser Projekt auch seinen Vorstellungen anpassen müssen. Daraus entstand der Entschluss das Projekt komplett selbstständig nach den eigenen Vorstellungen durchzuziehen und auch Erfahrung im Vertrieb zu sammeln.

Wie finanziert ihr das Projekt? Crowdfunding hattest du ja schon erwähnt - kannst du mehr dazu sagen?

Was bisher an Kosten entstanden ist, haben wir selber vorgestreckt. Das wird dann hoffentlich auch durch die Crowdfunding-Kampagne ausgeglichen. Sollte die Kampagne nicht greifen, müssen wir selber weiteres Geld reinstecken und leider versuchen die Kosten niedrig zu halten. Mal sehen wen wir noch für die Unterstützung gewinnen können. Wir würden weitere Helfer wie Sprecherin und Musiker gerne angemessen bezahlen können.

Mit der Brille in der Eisdiele

Was ist wichtig, wenn man ein Projekt über Crowdfunding finanzieren will? Ins Netz stellen allein genügt wahrscheinlich nicht, oder?

Bei Startnext gibt es im Vorfeld eine sehr gute Betreuung, wie man die Kampagne aufbauen soll. Daran sollte man sich orientieren. Das Fundingziel sollte man gut kalkulieren. Beispielsweise auch was man für Ausgaben für die Dankeschöns hat und wie man diese anlegt. Porto und Verpackung nicht zu vergessen: Das hat die Auswahl und das Format unserer Goodies maßgeblich beeinflusst. Leider ist die Kampagne kein Selbstläufer. Man muss sich zu dem Zeitpunkt schon um das Marketing und Aufmerksamkeit kümmern, was aber auch in jedem Fall für später, wenn die App fertiggestellt ist, sinnvoll ist.

Das Wichtigste ist allerdings, die Unterstützer-Zielgruppe vorab genau zu definieren und sich zu fragen, ob sie überhaupt für Crowdfunding gewonnen werden kann. Viele unserer potentiellen Unterstützer kennen Crowdfunding überhaupt nicht, haben Hemmungen sich bei Startnext anzumelden oder verwenden kein online Banking geschweige denn PayPal. Das war uns nicht ganz klar und es erschwert die Sache ungemein.

Was würdest du Kollegen raten, die auch von einer eigenen App träumen?

Ich kann nur empfehlen einfach den Mut zusammenzunehmen und ranzugehen. Man sollte Freude daran entwickeln Neues kennenzulernen und zu entdecken. Auch etwas Idealismus sollte man mitbringen, weil man natürlich nicht mit Sicherheit weiß, ob das Geld und die Zeit, die man investiert hat, finanziell wieder hereinkommen. Aber egal wie es verläuft, es löst eine ganze Reihe ungeahnter positiver Gespräche, Kontakte und Gelegenheiten aus, die uns entgangen wären, wenn wir uns nicht getraut hätten, diesen Weg einzuschlagen.

Danke für das Interview!

Wir bedanken uns, dass Ihr uns gefragt habt! Bis zum 21.Juli läuft die Kampagne und wir freuen uns über die Publicity zu diesem Zeitpunkt.

Mehr Infos zu Martin und seinem Projekt:

http://www.startnext.de/die-brille-app
https://www.facebook.com/DieBrilleApp
https://twitter.com/DieBrilleApp

http://www.herrarmbruster.de
http://www.luftlinie-produktion.de

Zu Martins IO-Portfolio

Alle Bilder zum Interview: Luftlinie Produktion UG

Das Interview führte Constanze Spengler für die Illustratoren Organisation e.V.

(Red. CS)