Bericht von der ALMA-Festveranstaltung

Zum dritten Mal in Folge fand in der internationalen Jugenbibliothek (IJB) in München die Festveranstaltung zum „Astrid Lindgren Memorial Award“ statt.

Nach dem Besuch der schwedischen Kronprinzessin Victoria und ihrem Mann am Nachmittag auf dem Bücherschloß und dem anschliessenden Empfang der schwedischen Botschaft im Innenhof, luden der schwedische Kulturrat und die Internationale Jugendbibliothek auf das Schloß Blutenburg, um den diesjährigen ALMA-Preisträger Shaun Tan zu begrüßen.

Zum Beginn sprach die Direktorin der IJB Frau Dr. Christiane Raabe ein paar einführende Worte und fasste kurz Shaun Tans Erfolg der letzte Jahre zusammen mit einem Blick auf die Veröffentlichungen in Deutschland.
2008 erscheinen bei Carlsen das Buch „Geschichten aus der Vorstadt des Universums“ und „Ein neues Land“
2009 werden diese beiden Bücher nominiert für den DeutschenJugendliteraturpreis, wobei „Geschichten aus der Vorstadt des Universums“  dann auch ausgezeichnet wird
2009 erscheint bei Carlsen „The lost thing“ und ein halbes Jahr später erscheint dazu der 2011 mit dem Oskar prämierte Animationsfilm.

Shaun Tan hat im Jahr 2011 zwei der wohl bedeutendsten Preise verliehen bekommen: einen Oskar und den Astrid Lindgren Memorial Award. Der angenehmen Ruhe und Gelassenheit von Shaun hat dies kein Abbruch getan. Die von von Frau Dr. Christiane Raabe gestellte Frage „Muss man da nicht verrückt werden?“ kann also ganz klar für Shaun Tan mit einem „Nein“ beantwortet werden …

Im Anschluss an diese Begrüßungsworte hielt der aus Stuttgart kommende Kritiker und Übersetzer Joachim Kalka die Astrid Lindgren rede mit dem Titel: „Ebenso und völlig anders. Das Kind liest seine Bücher“.
Er bezeichnet die Kinderliteratur als wohl das geheimnisvollste Terrain überhaupt in der Literatur und stellt fest, dass Kinderbücher eins gemein haben mit der übrigen Literatur: Es gibt sehr viele schlechte Texte!
Im SInne des Weltbilds der Astrid Lindgren spricht Joachim Kalka über das so wichtige loyale Verhalten den Kindern gegenüber. Dinge, die zum ersten Mal entstehen – das ist Kindheit, sagt er und spricht darüber, wie wichtig es, ist die Kinder ernst zu nehmen.
Kinder setzen ihr Selbstverständnis aus ihrem Bücherregal zusammen. Durch das heute oft praktizierte „over parenting“ werden die Kinder vor zu vielen Themen vermeintlich geschützt. Kinder wollen aber auch über Grausamkeit, Dunkelheit, Böses und die Hölle lesen und Bilder anschauen. Joachim Kalka zieht hier als Beispiele Märchen von Grimm und Hauff ebenso heran wie Wilhelm Busch mit Max und Moritz.
„Wo sind Bücher wie „Dr. Dolittle“ heute?“ fragt Joachim Kalka und stellt fest, dass ganz offensichtlich die Eltern heute zu viel an Pädagogik und zu wenig ans Kind denken.

Abschliessend beschreibt Joachim Kalka, was ihm besonders gut an den Arbeiten von Shaun Tan gefällt. Es ist die gespannte Aufmerksamkeit, das geduldige Warten, die Fülle des Unbekannten und das unbedingte Licht, dass auch ein Dunkel sein könnte.

„Ezählen in Bildern“ heisst der letzte Programmpunkt der Festveranstaltung und Shaun Tan betritt selbst die Bühne, um über sich und seine Arbeit zu sprechen.
Er beginnt seine Präsentation mit einigen Skizzen über seinen Tag als Künstler, die auf Anfrage eines Magazins in diesem Jahr entstanden sind. Der Morgen beginnt mit einem überdimensionalen Käfer, der morgens von außen an sein Schlafzimmerfenster klopft …
Shaun gibt nach diesem gezeichneten Tag voller Merkwürdigkeiten über sich und seine Kreaturen mit einigen Fotos seines Studios einen Einblick in sein zu Hause. Er zeigt den Papagei seiner Frau, den er sich oft „ausleiht“ und der in seinem Verhalten das Vorbild war für die Kreatur in „Ein neues Land“.

Er erzählt davon wie sehr sich Menschen immer wieder über Illustratoren wundern, die ihr ganzes Leben lang schon gerne gezeichnet haben und stellt dann gerne die Gegenfrage: Nahezu alle Menschen zeichnen und malen als Kinder. Warum hören so viele dann irgendwann auf?

Als Kind hat Shaun auf den Rückseiten der großen Architekturpläne seines Vaters gezeichnet. Mit 7 Jahren fand er, dass es noch weitaus Wichtigeres zu zeichnen gab als die beeindruckenden Architekturzeichnungen seines Vaters: Zum Beispiel Raumschiffe!
Seinen Skizzen ist allerdings auch heute noch die Prägung durch die tägliche Betrachtung der Zeichnungen seines Vaters anzusehen. Er spricht davon, dass er die Räume baut / konstruiert mit vielen, vielen Strichen, bevor dann die später veröffentlichte Zeichnung am Lichttisch entsteht. Der Lichttisch, den sein Vater ihm vor über 20 Jahren baute, ist noch heute einer der wichtigsten Plätze zum arbeiten.

Shaun erzählt in seinem Vortrag über die Zeit als Kind im west australischen Perth, wo es mehr Krähen als Menschen auf der Straße gibt, über seine Zeit als introvertierter Jugendlicher und wie es sich in einer so ländlichen Gegend lebt, wenn man halb chinesisch ist. Akzeptanz fand er unter Gleichaltrigen durch sein Zeichentalent und den geschickten Umgang mit Wörtern allerdings leicht.

Für Shaun Tan ist der größte Schritt an der Arbeit an einem Buch getan, wenn für ihn die Technik feststeht. Es folgen dann viele Skizzen, die zum Teil auch übermalte und mit Zeichnungen beklebte Fotos sind. Diese wiederum werden dann am Lichttisch zur finalen Illustration. Seine Kreaturen bastelt er manchmal aus Knete als 3D Figur um einzelne Ansichten leichter erfassen zu können.
Im Erzählen seiner Geschichten ist es Shaun wichtig nur vage aufzuzeichnen aber nicht genau vorzugeben, da er das für die Aufgabe einer Illustration hält – nichts darf zu fix sein, „offen lassen“ und Imagination zu lassen!
Im Comic wird dies als „gap“ oder „gutter“ bezeichnet. Ein Stilmittel um Spannung zu erzeugen und Fantasie zuzulassen. Der Leser ist gefordert.

Shaun findet als Schlusswort den großartigen Vergleich mit der Funktion einer Batterie:
Die besten Illustrationen sind die, die nicht genau das zeigen was das Wort beschreibt. Bei den besten Illustrationen ist es vielmehr so, dass die Bilder den einen Pol der Batterie bilden und die Worte den anderen Pol. Der Leser muss die Verbindung der beiden Pole sein und dann entsteht die Geschichte.

Nach einem wirklich beeindruckendem Beifall zeigt Shaun auf die Frage von Binette Schröderhin als i-Tüpfelchen die letzten Minuten seines Oscar prämierten Animationsfilms. Die Welt, die sich auftut mit dem Moment in dem Shaun Tans Figuren  animiert werden ist unbeschreiblich!

Bei einem anschliessendem Empfang im Innenhof des Schlosses wird bis in die Nacht  hinein gefeiert und Shaun signiert auch im Dunkeln mit einer Kerze und einem Glas Wein auf dem Tisch unermütlich seine Bücher.
Ein unglaublich ereignisreicher und spannender Tag mit einem neuen ALMA Preisträger und königlichem Besuch geht zu Ende …

Bericht von Judith Drews, Illustratorin IO und Mitglied des IO-Nominating Body für ALMA

Die Fotos zeigen von oben nach unten:

Bild 1: Ankunft von Kronprinzessin Viktoria

Bild 2: IJB-Mitarbeiterin, Shaun Tan, Klaus Humann, Erik Titusson (von links nach rechts)

Bild 3: Joachim Kalka

Bild 4: Shaun Tan

Bild 5: Kronprinzessin Viktoria und Prinz Daniel

Bild 6: Shaun Tan und Erik Titusson

Alle Fotos sind von Judith Drews.